Eua Senf

Warum der BVB sich von Nico Schlotterbeck trennen muss

31.03.2026, 22:00 Uhr von:  Gastautor*in  
Nico Schlotterbeck diskutiert mit Julian Brandt

Die Hängepartie um Nico Schlotterbeck nimmt kein Ende und gipfelte im Interview am vergangenen Montag. Unser Gastautor Jahn hat dazu eine klare Meinung.

Wahrscheinlich gibt es eine ziemlich einfache Wahrheit. Und die lautet: Nico Schlotterbeck will die Vertragsgespräche mit Borussia Dortmund bis über die Weltmeisterschaft hinaus ziehen, um nach dem Turnier noch die Wahl zu haben, ob er beim BVB bleibt oder nicht. Aus Spielersicht ist dieses Vorgehen attraktiv: Überrascht die deutsche Nationalmannschaft bei dem Turnier, fängt sich insbesondere die Defensive, woran Schlotterbeck ja qua Position nicht unbeteiligt wäre, könnten doch noch mal große Vereine auf den Innenverteidiger zu kommen, ansonsten würde es mit einem Wechsel zu einem Topclub in diesem Sommer aus verschiedenen Gründen eher schwer.

Grund eins: Kaum ein Topclub hat zwingenden Bedarf. Die Bayern haben Upamecano und Tah als Stamm-Duo in der Innenverteidigung, sie werden sich in diesem Sommer keinen Millionen-Transfer für einen dritten Innenverteidiger erlauben können, dafür sind andere Herausforderungen in der Kaderzusammenstellung (ein Back-up für Luis Diaz, die Organisation der Kane-Nachfolge, Nachverpflichtungen im zentralen Mittelfeld oder im Tor) zu drängend. Bei Manchester City wäre er hinter Josko Gvardiol, Marc Guéhi und Ruben Dias wohl nur Innenverteidiger Nummer vier, eine Position die aktuell mit Abdukodir Khusanov, einem spannenden Talent, das sich bereits in der Premier League etabliert hat, besetzt ist. Bei Arsenal ist die Situation mit William Saliba, Gabriel, Piero Hincapié und Christhian Mosquera mindestens ähnlich. Und selbst Tottenham, das diese Saison ja sogar gegen den Abstieg spielt, ist mit Micky van de Ven, Cristian Romero und ab der kommenden Saison auch Luca Vuskovic, der vom HSV nach Nordlondon zurückkehren wird, auch ohne Schlotterbeck in der Innenverteidigung bestens aufgestellt.

Seine unklare Zukunft schadet Nico Schlotterbeck

Grund zwei: Schlotterbeck spielt diese Saison zu inkonstant. Immer wieder macht er für ihn untypische Fehler im Aufbauspiel, verschätzt sich bei Zweikämpfen, obwohl sein Timing dort ebenso wie seine Präzision bei weiten Bällen eigentlich seine größten Stärken sind. Bei vielen internationalen Spitzenmannschaften, die theoretisch Bedarf in der Innenverteidigung hätten, dürfte man deswegen zögern, gerade jetzt 50 Millionen und mehr neben einen 15-Millionen-Euro-Gehalt in ihn zu investieren: In Barcelona zum Beispiel ist mit Pau Cubarsí das vielleicht größte Talent auf Schlotterbecks Position gesetzt, daneben spielt mit Ronald Araujo der Teamkapitän, ihn wird man nicht für Schlotterbeck opfern. Bei Real Madrid sieht es mit Dean Huijsen ähnlich aus. Bei Chelsea und Manchester United hätte ein Schlotterbeck in absoluter Topform wohl gute Chancen, sich gegen Levi Colwill und Trevoh Chalobah beziehungsweise Leny Yoro, Matthijs de Ligt und Lisandro Martinez durchzusetzen, aber anders als Schlotterbeck handelt es sich bei den anderen um etablierte Premier-League-Verteidiger, die anders als Schlotti keine Integrationszeit brauchen würden. Schlotterbeck hingegen, davon ist auszugehen, würde etwas brauchen, um sein Spiel an das höhere Tempo der Liga und die härter Gangart anzupassen. Trotzdem könnte Schlotterbeck aber perspektivisch ein Topfit für die englische Liga sein, was auch Liverpool, wo ein Abwehr-Umbruch ansteht, zumindest beobachten dürfte. Doch das Risiko gehen englische Titelanwärter – und nur ein Wechsel zu solchen wäre für seine Titelambitionen ja ein wirkliches Update – nur für einen Schlotterbeck in Topform ein. Und in der ist er gerade einfach nicht.

Dabei glaube ich noch nicht einmal, dass Nico Schlotterbeck auf einen ablösefreien Wechsel im nächsten Jahr spekuliert. Ich nehme ihm ab, dass er für den bestmöglichen Verein spielen und so viele Titel gewinnen möchte wie nur möglich. Nur diese Saison beweist nun einmal eindeutig, dass Schlotterbecks Spiel unter seiner unklaren Zukunft leidet. Seine Chance auf einen Topklub erhöht er sicher nicht, wenn das Gepokere noch ein Jahr lang weiter geht. Der neue Vertrag mit Ausstiegsklausel würde es Schlotterbeck ermöglichen, sich auf sein Spiel zu konzentrieren, wieder konstant zu werden und dann vielleicht im nächsten Jahr zu Real, Barca oder Liverpool zu wechseln.

Eine Vertragsverlängerung scheitert nur an „Schlottis“ Zukunftsplänen

Das sieht Nico Schlotterbeck aber offenbar anders und will stattdessen wohl auf die WM warten und sie, wie realistisch das auch sein mag, bereits als Sprungbrett für einen raschen Wechsel nutzen. Dafür sprechen auch seine aktuellen Äußerungen. Vor der Länderspielpause gab es das Gerücht, dass der Spieler nach seiner Rückkehr nach Dortmund seinen Vertrag verlängern würde. Das hat er gestern im Interview nach dem Spiel so deutlich wie nur möglich dementiert: „Ich muss das auch klar dementieren. So weit sind wir leider nicht“, sagte er in der ARD. Und begründete es mit einer anderen personellen Veränderung beim BVB: „Ich habe lange mit Sebastian verhandelt. Sebastian ist jetzt nicht mehr da. Natürlich hat mich Ole (Book, Anm. d. Red.) auch schon angerufen. Deswegen bin ich auch sehr verwundert über die Berichterstattung.“ Dieses Argument aber ist nicht wirklich schlüssig, weil Nico Schlotterbeck sicher nicht nur mit Sebastian Kehl verhandelt hat. Die Vertragsgespräche mit dem amtierenden Kapitän, der wohl zum neuen Spitzenverdiener der Vereinsgeschichte gemacht werden sollte, hat sicher auch Sport-Geschäftsführer Lars Ricken geführt. Auch der Sprecher der BVB-Geschäftsführer, Carsten Cramer, dürfte immer wieder mit am Tisch gesessen haben. Der Weggang von Kehl kann also rein faktisch kaum etwas für Schlotterbeck verändert haben.

Und für die WM-These sprechen auch die weiteren Aussagen aus Schlotterbecks Interview gestern: „Es ist jetzt auf jeden Fall nicht so weit, dass wir da irgendwie über kurzfristige Verlängerung schreiben. Deswegen muss ich da auch mal dazu etwas sagen. Das ist jetzt blöd, auch für BVB-Fans. Aber wie gesagt, es ist jetzt auch keine einfache Situation für mich gerade“.  Und auf die Frage, ob nun die Gefahr bestehe, dass er nicht in Dortmund bleibe, antwortete Schlotterbeck: „Was heißt die Gefahr? Wie gesagt, Sebastian ist gar nicht mehr da. Ich habe lange mit Sebastian verhandelt. Ich hätte jetzt auch wahrscheinlich eine Entscheidung in den nächsten Wochen getroffen. Jetzt hat sich die Situation schon ein bisschen verändert.“ Eine Entscheidung in den nächsten Wochen – davon spricht Nico Schlotterbeck jetzt seit Dezember. Oft verbunden mit einer Entscheidung bis Ende März. Also bis heute. Jetzt sagt er, er hätte selbst wenn Sebastian Kehl noch da wäre, was ja sein Argument ist, warum es länger dauert, noch Wochen für eine Entscheidung gebraucht. Also wirklich: Das klingt doch nur noch nach Zeitspiel.

Das BVB-Angebot ist perfekt für Schlotterbeck

Dabei ist dieses Zeitspiel wirklich unverständlich. Rein ideell bringt sich Schlotterbeck damit schließlich erst einmal um sein außergewöhnliches Standing in Dortmund, um die Chance bei einer Vertragsverlängerung Kapitän und Vereinslegende zu werden. Das ist natürlich seine Sache. Aber materiell ist sein Zögern seiner sportlichen Situation nicht angemessen: Denn der BVB bietet ihm, so wird berichtet, bis zu 14 Millionen Euro im Jahr – und damit zwei Millionen mehr als Niklas Süle verdient, der vor drei Jahren als Stamm-Innenverteidiger und Köningstransfer aus München nach Dortmund wechselte. Damit würde Schlotterbeck selbst bei den Bayern zu den Besserverdienern gehören. Hinzu kommt wohl eine Ausstiegsklausel in Höhe von „nur“ 60 Millionen Euro, die ihm einen Wechsel zu einem Topverein ab kommenden Jahr, wenn ein Wechsel bei wieder konstanteren Leistungen ohnehin realistischer wäre, jederzeit ermöglichen würden. Und das alles bis 2031. Selbst wenn Schlotterbeck nicht so lange bei Borussia Dortmund bleiben möchte, spreche sportlich und finanziell eigentlich alles dafür, jetzt trotzdem endlich zu verlängern – also außer er will unbedingt schon in diesem Sommer gehen.

Fakt ist: Der BVB hat sich für Nico Schlotterbeck richtig doll gestreckt – fast schon weiter als es angemessener wäre.

Ziemlich eindeutig ist: Nico Schlotterbeck hält den BVB trotzdem hin und will eigentlich schnell weg.

Niemand aber ist größer als der Verein. Deswegen wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um das Vertragsangebot an Nico Schlotterbeck zurückzuziehen. Und ihm alle Daumen dafür zu drücken, dass sein WM-Plan aufgeht. Denn auf einer so zentralen Position, Innenverteidiger, Fanfokus und Teamkapitän, kann sich Borussia Dortmund keinen Spieler erlauben, der sich nicht mit dem schwarz-gelben Weg identifiziert.

Unterstütze uns mit steady

Weitere Artikel