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Die Einführung der Blindenreportage hat die Teilhabe grundlegend verändert

30.08.2021, 21:28 Uhr von:  kha
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Das Bild zeigt drei Kreise, die die Grundprinzipien von Exklusion, Integration und Inklusion verdeutlichen sollen.

In Deutschland leben über 500.000 Menschen, die entweder blind oder sehbehindert sind. Der DBSV (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband) vermutet sogar, dass diese Zahlen noch um einiges höher liegen. Und natürlich sind darunter auch Fußballfans, einige davon auch BVB-Fans. Eine davon ist Daniela Schmidt. Mit ihr haben wir darüber gesprochen, wie sehr man als Person mit einer starken Sehbehinderung am Fußball im Stadion teilhaben kann.

schwatzgelb.de: Erzähle mal ein wenig über Dich und was Dich anders als andere Fans macht.

Daniela Schmidt: Ich bin 46 Jahre jung, verheiratet und seit meiner Geburt visuell eingeschränkt. Ich wohne mit meinem Mann (den ich über den BVB kennengelernt habe) im Osten Dortmunds. Am 01.04.2002 habe ich den 1. offiziellen BVB-Fanclub (mittlerweile international) für Blinde und Sehbehinderte gegründet. Außer, dass ich das Spiel optisch nicht wahrnehmen kann, bin ich wie jeder andere Fan auch. Ich liebe unseren BVB, freue mich und leide mit wie jeder andere auch. Ob ich „anders“ als andere Fans bin, kann mein Umfeld sicher besser beurteilen als ich.

schwatzgelb.de: Wie bist Du zum BVB gekommen?

Daniela: Ich habe mich lange nicht für Fußball interessiert, obwohl ich damit aufgewachsen bin. Mein Vater war lange glühender Fußballfan und hat selbst Fußball gespielt.

Als ich zum BVB gekommen bin, wohnte ich in Soest. Irgendwie wussten mein damaliger Freund und ich nichts mit unserer Zeit anzufangen und somit kamen wir auf die Idee, einfach mal nach Dortmund zu fahren und zu schauen, ob wir für das Spiel an diesem Abend ein Ticket ergattern können.

An diesem Abend spielte der BVB gegen Deportivo La Coruna im UEFA-Pokal. Es war der 06.12.1994. Wir bekamen ein Ticket auf der Süd. Ich hatte null Ahnung vom UEFA-Pokal, wer wie hoch gewinnen muss, um im Wettbewerb weiter zukommen. Ich habe auch von der Süd das Spiel gar nicht verfolgen können, weil es einfach viel zu weit entfernt war, aber das war damals zweitrangig. Was mich wirklich beeindruckt hat, war die Stimmung. Die Südtribüne hat gebebt. Als dann das 3:1 in der Verlängerung durch Lars Ricken fiel, war es um mich geschehen. Das hat mich so fasziniert, dass ich am nächsten Tag direkt wieder nach Dortmund gefahren bin, um mir einen Mitgliedsantrag in der Geschäftsstelle zu holen.

schwatzgelb.de: Mit wem fährst du zu den Spielen?

Daniela: Die Spiele besuche ich mit meinem Mann (er ist meine Begleitperson) und einigen unserer Mitglieder.

Was die Blindenreportage verändert hat

Daniela Schmidt im BVB Trikot mit dem groldenen und reich verzierten DFB Pokal, der vor ihr steht.
Daniela Schmidt im BVB Trikot

schwatzgelb.de: Wie schwer war es für Dich an eine Karte für Sehbehinderte bzw. Blinde zu kommen?

Daniela: Ich hatte ursprünglich eine Dauerkarte auf der Süd (Block 84). Als die Plätze mit Blindenreportage eingerichtet wurden (unser Fanclub war maßgeblich daran beteiligt) wurde meine Süd-DK in eine DK für Block 5 umgewandelt. Für mich war es also kein Problem, an eine Karte zu kommen.

schwatzgelb.de: Ist Dein Platz im Westfalenstadion problemlos zu erreichen oder gibt es da besondere Herausforderungen?

Daniela: Mein Platz ist problemlos zu erreichen.

schwatzgelb.de: Bietet der BVB genügend Karten für Sehbehinderte bzw. Blinde an?

Daniela: Ausreichend Karten sicher nicht, denn die Nachfrage übersteigt das Angebot. Im Vergleich zu anderen Vereinen bietet der BVB aber recht viele Tickets an.

schwatzgelb.de: Wie viele sollten es Deiner Meinung nach sein?

Daniela: Optimal wäre es, man könnte alle Anfragen bedienen. Der BVB hat unglaublich viele DK vergeben. Somit gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten, Kapazitäten zu schaffen. Das Ticket-Problem ist aber ein allgemeines Problem und betrifft nicht nur die Menschen mit (Seh-)Behinderung, sondern alle.

schwatzgelb.de: Fährst Du auch auswärts und was war Deine weiteste Fahrt?

Daniela: Ja, ich fahre auch auswärts. In der BuLi war meine weiteste Partie in Rostock. Im Europa-Pokal war es Istanbul. Mit der Nationalmannschaft war ich in Kharkiv/Ukraine.

schwatzgelb.de: Wie organisierst Du diese Fahrten? Bist Du mit einem Fanclub unterwegs?

Daniela: In der BuLi/DFB-Pokal fahren wir häufig mit dem Pkw oder mit dem Zug. Häufig auch mit einigen unserer Mitglieder (BVB-Fanclub BLIND DATE).

schwatzgelb.de: Fährst Du auch zu Spielen, bei denen Du weißt, dass es dort keine Blindenreportage gibt? Falls ja: Wie hilfst Du dir?

Daniela: Ja, ist es toll, wenn die Blindenreportage angeboten wird. Ich hatte auch schon Blindenreportage, die ich nicht verstanden habe. Zum Beispiel in Mailand.

Da wir häufig mit anderen Mitgliedern und dessen Begleitpersonen unterwegs sind, gibt es immer jemanden, der das Spiel beschreibt. Manchmal versuche ich auch, ein Fernglas zu nutzen… naja, meist bleibt es beim Versuch.

Man bekommt auch sehr viel über die Stimmung der anderen Fans mit.

schwatzgelb.de: Wie sehr hat die Einführung der Blindenreportage die Teilhabe von Blinden- und Sehbehinderten am Fußball verändert?

Daniela: Die Einführung der Blindenreportage hat die Teilhabe grundlegend verändert. Erst so ist es uns möglich, im Stadion "auf Ballhöhe" zu sein. Das war vorher nicht möglich.

schwatzgelb.de: Was glaubst Du: Wie haben sehbehinderte Fans die Spiele verfolgt, als die Blindenreportage nur im Stadion zu hören war?

Daniela: Viele meiner Bekannten/Freunde haben Radio gehört (mittlerweile auch Amazon).

schwatzgelb.de: War es nicht auch irgendwie diskriminierend, dass es bis zur Einführung der Blindenreportage so lange gedauert hat?

Daniela: Ehrlich gesagt habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Zum einen bin ich selbst immer im Stadion und wenn es dort auch mal keine Blindenreportage gibt, finde ich das persönlich auch nicht schlimm. Ich freue mich aber riesig über die Entwicklung.

schwatzgelb.de: Was glaubst Du, wie viele BVB-Fans profitieren davon, dass es die Blindenreportage nicht mehr nur im Stadion gibt, sondern auch über das Internet? Hast Du da Rückmeldungen?

Daniela: Sehr viele! Und nicht nur Menschen mit visueller Einschränkung. Wir wissen, dass es an manchen Spieltagen Zugriffe im 5-stelligen Bereich gibt. Zahlreiche Fans freuen sich einfach, die Spiele des BVB verfolgen zu können. Es hat ja nicht jeder Pay-TV.


schwatzgelb.de: Was war das verrückteste Erlebnis mit dem BVB?

Daniela: Bei unserem ersten Besuch 2012 beim CL-Gruppenspiel vom BVB bei Real Madrid hatten wir, wie fast immer im Ausland, lediglich Tickets für den Auswärtsblock im oberen Rang unter dem Dach erhalten. Da ich in dieser schwindelerregenden Höhe überhaupt nichts mehr wahrgenommen hätte, wollte ich mit meinem Mann zu den befreundeten BVB Rollifahrern, die auf der Gästeseite unten direkt am Spielfeldrand saßen. Das wurde uns aber vehement verboten. Dann haben wir es auf der anderen Seite bei den Heimrollis versucht und wurden dort reingelassen und standen auf einmal vor den berühmt-berüchtigten Ultras von Real – hinter dem Tor, das beim CL-Spiel gegen den BVB am 1. April 1998 vor dem Spiel gefallen war („der Torfall von Madrid“). Die Ordner haben uns eindringlich zur Vorsicht gemahnt und wir wurden von ihnen sogar mit Getränken versorgt, da wir auf keinen Fall den Rolliblock verlassen sollten. Das hatte schon ein gewissen Abenteuerreiz.

schwatzgelb.de: Und neben dem Platz?

Daniela: Bei dem Check-In auf dem Flughafen vor dem Abflug nach Turin wurde uns vom Sicherheitspersonal lautstark hinterhergerufen: „Keine Wanderstöcke.“ Das Sicherheitspersonal hatte wohl noch nie einen Blindenstock gesehen – über die Geschichte können wir heute noch herzhaft lachen.

schwatzgelb.de: War es irgendwo besonders schwierig für Dich als Blinde den Weg zu Deinem Platz zu finden? Und wie wurde das Problem gelöst?

Daniela: Nein, durch meine Begleitperson gab es damit nie Probleme.

schwatzgelb.de: Begleitest Du den BVB sonst noch? Zum Beispiel zu den Trainingslagern?

Daniela: Nein, wir besuchen ausschließlich die Spiele. Vielleicht machen wir das mal, wenn mein Mann pensioniert ist.

schwatzgelb.de: Wie ist es für Dich mit Deiner Behinderung im Stadion? Fühlst Du Dich gut aufgehoben?

Daniela: Ja, auf jeden Fall. Es wird überall Rücksicht genommen und versucht zu helfen.

schwatzgelb.de: Und gab es im Zusammenhang mit Deiner Behinderung, ein besonders schlimmes Erlebnis und wer hat Dir in dieser Situation geholfen?

Daniela: Ich war mit einer blinden Freundin beim UEFA-Pokal-Finale in Rotterdam. Da habe ich im Dunkeln unseren Bus nicht wiedergefunden und habe einen Busfahrer angesprochen, weil ich die Busnummer nicht erkennen konnte. Der war sehr unsensibel und hat mir nur bestätigt, dass dies nicht der richtige Bus sei. Geholfen hat er nicht. Letztendlich haben wir unseren Bus dann gefunden, weil sie nach uns Ausschau gehalten haben.

schwatzgelb.de: Fühlst Du dich von den anderen Fans respektvoll behandelt?

Daniela: Ja, auf meine Einschränkung bezogen auf jeden Fall.

schwatzgelb.de: Und fühlst Du Dich auch als Teil der BVB Fans oder ist das Gefühl eher „da auf der Süd sind die Fans" und hier sind wir, Sehbehinderten bzw. Blinden?

Daniela: Ja, ich fühle mich als vollwertiger Teil der BVB-Familie. Die Ultras sehen das sicher anders, aber das ändert nichts daran.

schwatzgelb.de: Wenn Du hoffentlich bald wieder ins Stadion gehst: Bekommst Du alles mit oder fühlst Du Dich von einigen Dingen ausgeschlossen, weil an die besonderen Bedürfnisse von sehbehinderten bzw. blinden Fans nicht gedacht wurde?

Daniela: Ich fühle mich nicht ausgeschlossen. Sollte es mal zu solchen Situationen kommen, brauchen wir nur den BVB ansprechen und das Problem wird behoben.

Ich wünsche mir die Blindenreportage aller BVB Spiele. Egal ob Heim oder Auswärts.


Daniela, sehbehinderter BVB Fan

schwatzgelb.de: Würdest Du, anstatt nur mit sehbehinderten bzw. blinden Fans zusammen, gerne bei den Fans auf der Süd stehen wollen oder bei Auswärtsspielen im Gästeblock?

Daniela: Ja, eigentlich schon, aber dann ist es schwierig, der Reportage zu folgen. Bei Auswärtsspielen halten wir uns häufiger im Gästeblock auf. Zum Beispiel, weil es zu wenig Auswärtstickets gibt. Aber ich möchte ungerne auf die Blindenreportage verzichten, um bei unseren Fans im Block zu sein.

schwatzgelb.de: Was wünscht Du Dir in Zukunft vom BVB für sehbehinderte bzw. blinde Fans?

Daniela: Die Blindenreportage aller unserer Spiele. Unabhängig davon, ob heim oder auswärts.

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