Serie

Da wurde mir von den Fanbegleitern auf halbem Weg ziemlich klar gesagt, dass ich die letzten beiden Wagen besser meiden soll.

10.05.2021, 19:16 Uhr von:  kha
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Das Bild zeigt drei Kreise, die die Grundprinzipien von Exklusion, Integration und Inklusion verdeutlichen sollen.

Das statistische Bundesamt vermeldet auf seiner Internetseite, dass im Jahre 2019 21,2 Millionen Menschen in Deutschland eine Migrationsgeschichte haben.

Über das Leben als Fußballfan mit Migrationsgeschichte haben wir mit Jonam gesprochen, einem langjährigen BVB Fan und langjährigem, ehemaligen, Redaktionskollegen.

Wer bist Du und was macht Dich vielleicht anders als andere BVB Fans?


Ich bin gebürtig aus der Nähe von Paderborn/OWL, dort aufgewachsen und zur Schule gegangen, lebe aber nun schon seit den 90ern in Berlin, wo es mich zum Studium hingezogen hat. Ich bin indischer Abstammung, meine Eltern kamen Anfang der 70er nach Deutschland.


Wie bist Du zum BVB gekommen?


Bei uns in der Region ist/war das Fanlager gespalten zwischen königsblau und schwatzgelb. Mein älterer Bruder und die meisten seiner Freunde sind BVB-Fans, da wurde ich das auch nach und nach. Erst latent, richtig dann in der Saison 91/92.



Über marode Zäune und in Erinnerung gebliebene Busfahrten

In welchem Alter warst Du das erste Mal im Stadion?


Das weiß ich nicht mehr ganz genau. Mein Bruder hatte mit seinen Freunden einen BVB-Fanclub ("Wilde Wespe" ;-)), die haben unregelmäßig Fahrten organisiert. Ich kann mich an ein Heimspiel um 1990 gegen Bayern erinnern. Ich habe gerade mal nachgeschaut, das war vermutlich das 2-3 am 17.05.1991. Das könnte das erste Spiel im Westfalenstadion gewesen sein. Da war ich dann 13 Jahre alt. Das erste Spiel überhaupt war vermutlich ein Freundschaftsspiel am 26.01.1990 bei TuS Paderborn/Schoß-Neuhaus.


Wie war es?


An die Busfahrt die A44 hoch zum Bayernspiel kann ich mich noch gut erinnern...weil ich neben dem Busfahrer ungefähr der einzige war, der kein Bier getrunken hat ;-). An das Spiel selbst habe ich nicht mehr viele Erinnerungen, ich wüsste nicht mal mehr auf welcher Tribüne ich war. An das Spiel in Paderborn in der Bruchbude Hermann-Löns-Stadion kann ich mich noch gut erinnern. Das sind wir nach dem Spiel mit der ganzen Truppe über den maroden Zaun und zu den Spielern gelaufen.


Gab es Probleme (egal ob im Westfalenstadion oder auswärts), die mit Dir als Person zu tun hatten aufgrund dessen, was Du bist?


In der direkten Wahrnehmung in all den Jahren nicht wirklich. Ich bin prinzipiell aber auch eher vorsichtig. Fahrten wie z. B. zum Auswärtsspiel nach St. Petersburg verkneife ich mir. Oder bei der Sonderzugfahrt nach Udine 2008 als ich mal durch den ganzen Zug (waren 12 oder 14 Wagen) gehen wollte, um zu schauen, ob ich alte Bekannte treffe. Da wurde mir von den Fanbegleitern auf halbem Weg ziemlich klar gesagt, dass ich die letzten beiden Wagen besser meiden soll.



Oder bei der Sonderzugfahrt nach Udine 2008 als ich mal durch den ganzen Zug (waren 12 oder 14 Wagen) gehen wollte, um zu schauen, ob ich alte Bekannte treffe. Da wurde mir von den Fanbegleitern auf halbem Weg ziemlich klar gesagt, dass ich die letzten beiden Wagen besser meiden soll.


Unser Gesprächspartner Jonam über ein Erlebnis bei der Sonderzugfahrt nach Udine.

Über Strategien, um Probleme zu vermeiden

Gab es Momente in denen Du Dich diskriminiert fühltest?


Als Fußballfan auf Auswärtsfahrt im Allgemeinen schon. Die üblichen Drangsalierungen kennen ja viele zur Genüge. Aufgrund meiner Person selbst habe ich das in all den Jahren kaum wahrgenommen. Ich könnte mich ad hoc auch an kein einzelnes Erlebnis erinnern. Bzw. nur indirekt durch Vermeidungsverhalten (siehe vorherigen Punkt).

Falls ja, wie bist Du damit umgegangen?


Es ist eher so, dass ich bewusst oder unbewusst schon vorneweg versuche, Problemen aus dem Weg zu gehen.


Und wie sind andere Fans damit umgegangen?


Das gilt jetzt eher allgemein. Fans habe ich bei Heimspielen und noch mehr bei Auswärtsspielen als ungeheuer hilfsbereit empfunden. Und das schließt einen Großteil der gegnerischen Fans mit ein.


Hättest Du Dir in dem Moment Hilfe von Ordnern oder anderen "Offiziellen" gewünscht?


Bezogen auf meine Person oder die Thematik habe ich das nicht vermisst bzw. bisher kaum gebraucht. Im Allgemeinen hatten wir aber auf Auswärtsfahrten schon Situationen, in denen wir uns an die Fanbetreuer gewandt haben. Das war dann immer unkompliziert und hilfreich.

Antidiskriminierungsarbeit beim BVB



Ich weiß tatsächlich gar nicht genau, was der BVB alles macht. In meiner Wahrnehmung v. a. über die Presse und das sg.de-Forum macht der Verein im Bundesligavergleich einiges.


Und was wünscht Du Dir für Die Zukunft vom BVB in diesem Bereich?


Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Kampf gegen Diskriminierung immer dann werbewirksam intensiviert wird, wenn gerade in der Republik in der Hinsicht etwas passiert ist. Da würde ich mir wünschen, dass der Verein etwas mehr "am Ball bleibt".


Vielen Dank für das Gespräch!



Ich weiß tatsächlich gar nicht genau, was der BVB alles macht. In meiner Wahrnehmung v. a. über die Presse und das sg.de-Forum macht der Verein im Bundesligavergleich einiges.


Und was wünscht Du Dir für Die Zukunft vom BVB in diesem Bereich?


Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Kampf gegen Diskriminierung immer dann werbewirksam intensiviert wird, wenn gerade in der Republik in der Hinsicht etwas passiert ist. Da würde ich mir wünschen, dass der Verein etwas mehr "am Ball bleibt".


Unser Gesprächspartner Jonam über die Antidiskriminierungsarbeit beim BVB

Unterstütze uns mit steady

Weitere Artikel