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Ausbaubedarf gibt es beim Thema „Infos in Leichter Sprache“

17.08.2021, 20:09 Uhr von:  kha
Lesezeit: ca. 9 Minuten
Das Bild zeigt drei Kreise, die die Grundprinzipien von Exklusion, Integration und Inklusion verdeutlichen sollen.

Neben Borussen mit körperlichen Einschränkungen gibt es auch Menschen mit Lernschwierigkeiten, die aber natürlich das gleiche Bedürfnis haben, am „Erlebnis Stadion“ teilhaben zu dürfen. Welche Herausforderungen es gibt und was noch zu verbessern ist, darüber sprachen wir mit Sebastian von Special Olympics NRW.

schwatzgelb.de: Wer bist Du und wer sind Deine Schützlinge?

Sebastian Bergmann: Mein Name ist Sebastian Bergmann. Ich komme aus Hamm, bin selbst BVB-Fan mit einer Dauerkarte auf der Südtribüne und ich arbeite für Special Olympics Nordrhein-Westfalen, kurz SONRW. SONRW ist der NRW-Landesverband der weltweiten Sport-Organisation Special Olympics, der größten Bewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Während die Paralympics in Deutschland sehr bekannt sind, ist es Special Olympics leider noch nicht. Wir bieten Sportangebote für Menschen mit geistiger Behinderung an. Es gibt unseren Bundesverband Special Olympics Deutschland und in jedem Bundesland einen Landesverband. Unsere Mitgliedsstruktur ist ganz breit gefächert, es können Einrichtungen der Behindertenhilfe wie z.B. Lebenshilfen sein, aber auch Förderschulen, Vereine und Privatpersonen. Seit 2015 arbeiten wir auch eng mit der BVB-Stiftung "leuchte auf" zusammen und konnten gemeinsam schon viele Projekte für Sportlerinnen und Sportler und vor allem Kinder mit geistiger Behinderung umsetzen.

Die speziellen Bedürfnisse von Fans mit Lernschwierigkeiten

schwatzgelb.de: Was macht diese anders als andere?

Sebastian: Unsere Athletinnen und Athleten haben alle eine geistige und/oder mehrfache Behinderung. „Anders“ macht sie eigentlich gar nichts, aber sie haben eben spezielle Bedürfnisse und es sind ganz besondere Menschen. Wenn du bei uns auf einem Fußball-Turnier bist, dann siehst du ziemlich schnell, worin der Unterschied besteht. Leistungstechnisch siehst du keinen. Da sind bei uns alle Level vertreten, aber der größte Unterschied ist, dass du die ganze Zeit pure Freude am Sport und vor allem echte Emotionen erleben kannst. Da wird auch keine Verletzung vorgetäuscht oder auf Zeit gespielt. Sie machen miteinander Sport und freuen sich auch mal für die gegnerische Mannschaft, wenn sie ein schönes Tor geschossen hat. Es ist ehrlicher Sport, bei dem das Miteinander ganz klar im Vordergrund steht.

schwatzgelb.de: Kannst Du erläutern, von welchem Spektrum der Einschränkung wir sprechen und wie sich das äußert?

Sebastian: Das ist bei uns ganz unterschiedlich, daher kann man es nicht verallgemeinern. Es kann von einer Lernbehinderung bis hin zu einer mehrfachen Behinderung alles sein. Bekannte Behinderungsformen sind z.B. das Down Syndrom oder auch Autismus. Es äußert sich in der Form, dass man Dinge verständlicherweise vielleicht auch einmal mehr erklären muss. Ganz wenige unserer Athletinnen und Athleten sitzen im Rollstuhl. Wenn man an Menschen mit Behinderung denkt, denken die meisten natürlich zuerst an Menschen, die im Rollstuhl sitzen oder eine körperliche Behinderung haben. Alles was man sieht, ist natürlich auch präsenter. Bei unseren Athletinnen und Athleten kann man die Einschränkungen meistens nicht sehen. Das ist sicherlich auch ein Grund, weshalb wir nicht so bekannt sind.

schwatzgelb.de: Du hast oben spezielle Bedürfnisse erwähnt. Welche können das sein?

Sebastian: Spezielle Bedürfnisse können z.B. sein, dass Informationen in Leichter Sprache oder mit sehr vielen Bildern leicht verständlich dargestellt werden müssen. Der Betreuungsaufwand ist sicherlich auch wesentlich höher. Ansonsten ist es aber eigentlich doch recht individuell.

schwatzgelb.de: Und welche Auswirkungen hat dies auf das Erleben von Fußball?

Sebastian: Das beginnt bereits bei der täglichen Informationsbeschaffung. Die Website, die BVB-Posts bei Social Media, alles dies ist in der Regel doch in schwerer Sprache und so für viele Athletinnen und Athleten von uns nicht verständlich. Am Spieltag selbst ist dies dann z.B. bei der Wegeleitung ins Stadion oder der Beschilderung im Stadion auch ein Faktor, oder auch an den Gastronomieständen. Es lässt sich aber natürlich auch nicht verallgemeinern, weil dies auch nicht alle Sportlerinnen und Sportler bei uns betrifft. Für Menschen mit Autismus z.B. kann ein volles und lautes Stadion schon eine extreme Belastung darstellen. Aber da ist jede Athletin und jeder Athlet so individuell wie wir alle.

alles dies ist in der Regel doch in schwerer Sprache und so für viele Athletinnen und Athleten von uns nicht verständlich


Sebastian, Special Olympics NRW

schwatzgelb.de: Wie kann sich die Belastung bei Autisten äußern?

Sebastian: Das lässt sich natürlich auch nur schwer verallgemeinern, weil jeder Mensch anders reagiert und es sich bei Autismus um ein weites Spektrum handelt – darum spricht man auch von einer Autismus-Spektrum-Störung. Meistens sind Kommunikation und Sozialverhalten beeinträchtigt. Autistische Kinder suchen oft wenig Kontakt zu anderen Kindern und bevorzugen es, sich alleine zu beschäftigen. Sie fühlen sich in ihrer gewohnten Umgebung am wohlsten. Für viele Kinder ist es dann bei uns der erste Stadionbesuch, was natürlich schon eine Extremsituation ist. Es sind – hoffentlich bald wieder – viele Menschen auf engem Raum im Stadion. Es ist laut. All dies können Situationen sein, in denen sich Autisten nicht wohlfühlen. Sie fühlen sich gestresst von der Situation und den Umständen. Dadurch, dass es dann der erste Stadionbesuch ist, fehlen natürlich auch Erkenntnisse, wie jemand in so einer Situation reagiert. Ich muss aber klar sagen, dass wir eigentlich so gut wie immer beobachten, dass ein Stadionbesuch diesen Kindern unheimlich guttut. Es ist ein besonderes Erlebnis, über das sie noch lange Zeit danach erzählen.

Special Olympics-Einlaufkind Fiona an der Hand von Lukasz Pisczcek auf dem Rasen des Westfalenstadions.
© Foto: M. Meyer/Borussia Dortmund

schwatzgelb.de: Wie könnte Borussia hier tätig sein, um Autisten den Stadionbesuch leichter zu machen?

Sebastian: Da muss man klar sagen, dass der BVB uns im Stadion bereits super betreut und z.B. auch geschulte Volunteers für unsere Kinder einsetzt. Ausbaubedarf gäbe es, wie bereits angesprochen, beim Thema „Infos in Leichter Sprache“. Das gilt dann natürlich nicht nur für Autisten, sondern für alle Menschen mit einer geistigen Behinderung und da ist beim BVB sicherlich noch etwas Verbesserungspotential vorhanden. Es gibt zwar viele Projekte, wie z.B. das Projekt „Leicht Kicken“, das an einem Fußball-Wörterbuch in Leichter Sprache arbeitet, insgesamt ist da aber noch viel Luft nach oben.

schwatzgelb.de: Gibt es rund um den Verein noch andere Orte, an denne es für Autisten schwierig sein kann? Und was könnte man da tun?

Sebastian: Das fängt auf jeden Fall bereits mit der Anreise an. Wir empfehlen den Eltern der Kinder immer die Anreise mit dem Auto, da auch eine Fahrt in vollen Straßenbahnen bereits eine Extremsituation darstellt. Wenn man aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, dann sollte man nicht den direkten Weg vom Bahnhof ins Stadion nehmen. Lieber eine andere Haltestelle wählen, die dann nicht so stark frequentiert ist und noch etwas zum Stadion laufen. Dann ist die Bahn auch nicht so überfüllt.

schwatzgelb.de: Für die Gehörlosen gibt es im Stadion eine Gebärdendolmetschung und für die Sehbehinderten die Blindenreportage um Fußball besser erleben zu können. Wie hilft man Deinen Schützlingen, um Fußball besser erleben zu können?

Sebastian: Während des Spiels brauchen unsere Athletinnen und Athleten eigentlich keinerlei Hilfestellungen. Sie genießen das Spiel genauso wie wir alle. Nach und vor dem Spiel wäre es aber schon schön, wenn es mehr BVB-Berichte in Leichter Sprache für sie geben würde – vielleicht sogar eine eigene Website.

Wie Autisten der Stadionbesuch erleichtert werden kann

schwatzgelb.de: Noch kurz einmal zurück zu der Problematik bei Stadionbesuchen von Autisten: Wäre ein Snoezel-Raum auch beim BVB wünschenswert?

Sebastian: So genannte Snoezel-Räume sind Orte mit einer gemütlichen, ruhigen und reizarmen Atmosphäre, die für Entspannung und Wohlbefinden sorgen sollen. Diese Räume sind häufig in Schulen, Kindergärten, Freizeiteinrichtungen etc. zu finden und stellen besonders für Kinder mit geistiger Behinderung oft einen wichtigen Ort zur Gefühlsregulation und Entspannung dar. Wie schon gesagt, ist so ein Stadionbesuch mit unbekannten, nicht planbaren Situationen, vielen Eindrücken und Reizen verbunden, die zu extremem Stress führen können. Ein Rückzugsort zum Durchschnaufen, Entspannen und Herunterkommen wie ein Snoezel-Raum könnte einigen Stadionbesucher*innen bestimmt helfen, den Besuch nicht abbrechen zu müssen und das Spiel nach einer Verschnaufpause wieder genießen zu können.

In einigen Stadien wie z.B. bei Arminia Bielefeld gibt es solche Räume auch bereits. Natürlich ist so ein Raum kein Allheilmittel – ob und in welcher Form er hilfreich sein kann, ist individuell personen- und situationsabhängig. Aber ich bin mir sicher, dass einige Familien sich sehr über einen Snoezel-Raum im Westfalenstadion freuen würden.

Ein Snoezel-Raum könnte einigen Stadionbesucher*innen bestimmt helfen, den Besuch nicht abbrechen zu müssen


Sebastian, Special Olympics NRW

schwatzgelb.de: Wo findet man Euch im Stadion?

Sebastian: Unter normalen Umständen und hoffentlich sehr bald wieder, findest du zwei Kinder mit geistiger Behinderung von uns an der Hand der beiden Mannschaftskapitäne, wenn sie in das Westfalenstadion einlaufen. Seit 2015 laden wir in Kooperation mit der BVB-Stiftung "leuchte auf" zu jedem Bundesliga-Heimspiel zwei Kinder mit einer Behinderung ein. Die Kinder besuchen meistens eine Förderschule in der Region und sind natürlich auch BVB-Fans. Es ist für sie ein ganz besonderes Erlebnis, an der Hand der Kapitäne die Mannschaften mit aufs Feld begleiten zu können. Im Jahr 2019 durften wir auch beim ersten Inklusionsspieltag des BVB mitmachen. Erstmals sind an diesem Spieltag, es war im Dezember beim Spiel gegen den SC Freiburg, auch Kinder im Rollstuhl mit dabei gewesen. Außerdem hat unsere Athletensprecherin gemeinsam mit unserem Präsidenten ein Interview bei FanOmenal gegeben und weitere Athletinnen und Athleten waren in organisatorische Abläufe als Volunteers am Spieltag mit eingebunden.

schwatzgelb.de: Fühlen sich die Kinder als Teil der Fans im Stadion oder eher "außen vor", weil sie nicht so dicht bei den gleichaltrigen Fans auf der Südtribüne sein können?

Sebastian: Die Einlaufkinder genießen dann das Spiel gemeinsam mit ihren Eltern, allerdings nicht auf der Südtribüne. Wir haben aber auch Athleten von der AWO Dortmund, die bei jedem Spiel auch auf der Südtribüne stehen. Ich selbst stehe auch auf der Südtribüne und freue mich jedes Mal, wenn ich bekannte Gesichter entdecke.

schwatzgelb.de: Gibt es besondere Bedürfnisse der Kinder, auf die im Stadion besonders eingegangen werden muss? Passiert dies aktuell?

Sebastian: Der BVB betreut die Einlaufkinder über Volunteers und bringt sich nach dem Einlaufen zu ihren Eltern. Das klappt hervorragend und die Kids sind die ganze Zeit super betreut.

schwatzgelb.de: Wie viele Plätze gibt es für Euch im Westfalenstadion?

Sebastian: Es gibt keine extra Plätze, außer die Plätze für die Einlaufkinder und ihre Begleitperson.

schwatzgelb.de: Fühlt Ihr Euch als Teil der BVB-Fangemeinde?

Sebastian: Ja, auf jeden Fall. Aber da müsstest du eher die BVB-Fans unter unseren Athletinnen und Athleten fragen. Ich bin mir aber sicher, dass niemand etwas anderes antworten würde.

schwatzgelb.de: Was können Fans tun, um Euch besser zu inkludieren?

Sebastian: Indem sie unsere Athletinnen und Athleten behandeln, wie jeden anderen Menschen im Stadion auch. Und das klappt schon ganz hervorragend.

schwatzgelb.de: Fahren auch einige von Deinen Leuten auswärts mit?

Sebastian: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wenn organisieren wir das natürlich nicht, sondern jeder BVB-Fan für sich individuell.

Schön ist es aber doch erst, wenn es regelmäßig und normal ist.


Sebastian, Special Olympics NRW

schwatzgelb.de: Was wünscht Ihr Euch in Zukunft vom BVB?

Sebastian: Wir würden uns wünschen, dass die erfolgreiche Kooperation noch lange bestehen bleibt. Neben dem Einlaufkinder-Projekt veranstalten wir im Rahmen der Europäischen Fußballwoche von Special Olympics auch Trainingseinheiten für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung. Von der BVB-Stiftung werden wir jedes Jahr zu einem Training in die Fußballakademie eingeladen und danach findet noch eine Stadionführung statt. Dieser Tag ist für alle Teilnehmenden ein absolutes Highlight und bleibt ganz lange im Gedächtnis. Wir arbeiten als NRW-Landesverband mit vielen Bundesligavereinen zusammen und richten solche Trainingseinheiten bei allen Proficlubs aus. Das Einlaufkinder-Projekt beim BVB ist aber einzigartig.

Die inklusive Fußball-Mannschaft von Special Olympics NRW des DJK Franz-Sales Haus Essen bei einer Trainingseinheit beim BVB im September 2020.
© Foto: S. Rauch / Special Olympics NRW

Wir sind sehr froh und stolz darüber, dass der BVB so viel auf diesem Gebiet unternimmt und uns als Partner unterstützt. Was uns ganz besonders fasziniert: Der BVB hängt das Projekt nicht an die große Glocke. Andere Vereinen setzen solche Aktionen nur an Aktionsspieltagen um. Diese sind zwar immens wichtig, um auf Themen wie Inklusion aufmerksam zu machen. Schön ist es aber doch erst, wenn es regelmäßig und normal ist und niemand groß darüber spricht. Und genauso ist es beim BVB. Wir wünschen uns natürlich aber schnellstmöglich, dass nicht nur Zuschauer wieder ins Stadion dürfen sondern auch Einlaufkinder.

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