Männer

3:2 Sieg in der Nachspielzeit Dortmund gewinnt. Und sonst so.

18.01.2026, 16:44 Uhr von:  Philippa  
Dortmund gewinnt. Und sonst so.

Ein Spiel, das sich anfühlt wie der Weg zum Stadion: zu lasch, zu lang, zu kompliziert. Dortmund rettet sich, St. Pauli bleibt unbequem, und am Ende steht ein Ergebnis, das mehr verdeckt als erklärt.

Es ist ein komischer Samstag in Dortmund. Ich bin früh losgefahren, aus Richtung Duisburg, noch mit dem Gefühl, genug Zeit zu haben. Eine dieser optimistischen Anreisen, bei denen man glaubt, der Tag werde sich schon fügen. Doch als die U-Bahn zwischen Kampstraße und Stadtgarten plötzlich stehen bleibt, kippt dieses Gefühl. Minuten vergehen, Durchsagen bleiben vage.

Am Ende steige ich genervt an der nächsten Haltestelle aus, mit dem Wissen, dass aus einer kurzen Strecke eine Odyssee geworden ist. Auf dem Weg zum Stadion wird mein Schritt schneller; die Hitze sitzt mir im Nacken, und mit jedem Meter fühlt es sich an, als liefe ich der Zeit hinterher. Viel zu warm ist es für Januar, viel zu warm für meinen Rollkragenpulli, dessen flauschigen Kragen ich mir immer wieder genervt vom Hals ziehe.

Trotz allem schaffe ich es noch pünktlich zum Triumphmarsch auf die Pressetribüne. Hinter mir kommentieren zwei Leute fürs Dortmunder Lokalradio, neben mir schreibt jemand für die FAZ, ruhig und konzentriert, fast so, als würde er einen Börsenticker protokollieren und kein Fußballspiel. Gegenüber, auf der West, wird ein Banner hochgehalten, auf dem The Unity zum 25. Jahren beglückwünscht wird. Ich muss lächeln, schwatzgelb.de und The Unity sind jetzt offiziell gleich alt.

Banner mit der Aufschrift 25 Jahre Motor der Süd, alles Gute, the Unity
The Unity feierte ihren 25. Geburtstag

Das Spiel wird angepfiffen, und ich schlage meinen kleinen Blog auf. Borussia Dortmund gegen St. Pauli, Zweiter gegen Achtzehnter. Ein Spiel, das auf dem Papier keine Geschichte verspricht – und gerade deshalb eine haben will.

Dortmund beginnt, wie Dortmund unter Niko Kovac eben beginnt: viel Ball, wenig Glanz. Es ist kontrolliert, manchmal fast vorsichtig. Als wolle man das Spiel nicht gewinnen, sondern erst einmal nicht verlieren. St. Pauli steht tief, arbeitet, wartet. In der 12. Minute patzt Nikola Vasilj, und Julian Brandt kommt zum Abschluss, Hauke Wahl klärt auf der Linie. Ein Raunen geht durchs Stadion, hinter mir hebt die Radiostimme kurz ab, um sofort wieder zu landen.

Ich schreibe: erster Dortmunder Angriff, Julian versucht sein Bestes. Es klingt so harmlos, wie es sich anfühlt.

Dann diese Szene nach einer Viertelstunde: Nico Schlotterbeck verliert den Ball, sprintet zurück, und grätscht Arkadiusz Pyrka um. Gelb. Nico beschwert sich lautstark, mit dieser Giftigkeit, die ihn in den letzten Wochen zu eigen geworden ist. Nichtsdestotrotz, die Gelbe scheint diskutier-würdig. Neben mir wird gemurmelt, hinter mir gezischt. Es ist einer dieser Momente, in denen sich ein Spiel leicht in eine andere Richtung kippen könnte. Kurz darauf pfeift Schiedsrichter Harm Osmers erst Elfmeter für St. Pauli, nimmt ihn nach VAR-Check wieder zurück. Der Arm von Fabio Silva war angelegt. Die Dortmunder Ordnung ist wiederhergestellt, zumindest auf dem Papier.

Viel passiert nicht, das Spiel zieht sich wie eine nicht-enden-wollende Mathestunde. Brandt schießt einen Freistoß knapp vorbei, Gregor Kobel hält gegen Pereira Lage. Der BVB enttäuscht fußballerisch, bestätigt all jene, die sagen, dass der Kovac-Kick eher funktioniert als verführt. Und dann, ausgerechnet in der Nachspielzeit der ersten Hälfte, passiert das, was diese Mannschaft inzwischen perfektioniert hat: Sie trifft aus dem Nichts. Karim Adeyemi bricht rechts durch, flankt scharf, Fabio Silva hackenflippt weiter, Brandt schiebt ein. 1:0.

Ich merke, wie ich unwillkürlich den Kopf schüttle. Neben mir wird kurz schneller getippt. Hinter mir jubelt das Radio. Komisches Tor, notiere ich.

Fabio Silva mit der vierten Torvorlage

Nach der Pause wirkt Dortmund entschlossener. Adeyemi nutzt erneut einen Ausflug von Vasilj, schiebt zum 2:0 ein. Es ist die 54. Minute, und für einen Moment sieht alles nach einem dieser routinierten Heimsiege aus, die man später kaum noch erinnert. Ich notiere: Dortmund übernimmt Kontrolle. Ein gefährliches Wort im Fußball.

Denn Kontrolle hält nicht lange. St. Pauli kommt zurück, erst nach einer Ecke durch James Sands, dann, und das ist fast schon grausam konsequent, wieder nach einer Standardsituation. Ricky-Jade Jones nimmt einen Freistoß volley, 2:2. Die Dortmunder Führung verdampft, wie die Kälte dieses Januartages. Und das, obwohl man erst letztens den Standardtrainer gewechselt hat.

Plötzlich ist das Stadion unruhig. Auf dem Rasen wirkt Dortmund verunsichert, fast beleidigt davon, dass dieses Spiel nicht einfach zu Ende gehen will. St. Pauli spielt mutig, hat sogar Chancen auf das 3:2. Ich denke kurz an das Hinspiel, an dieses 3:3, an die Art, wie sich manche Geschichten so dringend wiederholen wollen.

Der Himmel über dem Westfalenstadion kippt ins Rosé, als hätte jemand das Licht weicher gedreht. Ich entsperre mein Handy, weil auf dem Platz wild diskutiert wird. Dabei sehe den letzten Song auf Spotify: Everywhere von Fleetwood Mac. Ich lächle. You better make it soon before you break my heart.

In der Nachspielzeit dann der Moment, der alles zusammenzieht: VAR-Eingriff, Elfmeter für Dortmund. Jones trifft Beier am Strafraumrand, aus Freistoß wird Strafstoß. Emre Can tritt an, und zur Überraschung von niemanden, verwandelt. 96. Minute. Ekstase. Die Pressetribüne bebt nicht, aber sie rauscht. Jubel unten, hektische Stimmen hinter mir, ein tiefes Ausatmen neben mir.

Dortmund gewinnt 3:2

Ich schreibe den letzten Satz: Dortmund gewinnt 3:2. Er wirkt zu banal für das, was passiert ist, und zu groß für das, was dieses Spiel eigentlich war. Sentimental ergänze ich: Mein Herz ist noch heile.

Als ich meinen Notizblock zuklappe, bleibt trotzdem dieses Gefühl: dass hier weniger ein Spiel entschieden wurde als ein Zustand. Dortmund bleibt an Bayern dran, verkürzt den Abstand nach oben und rettet sich selbst. St. Pauli geht wieder einmal erhobenen Hauptes und leeren Händen. Und ich sitze da, zu warm angezogen für diesen Tag, und denke, dass Fußball manchmal genau dann am ehrlichsten ist, wenn er sich selbst nicht traut.

Als ich Julian Brandt nach dem Spiel in der Mixed Zone treffe, haben sich seine Grübchen schon tief in seine Wangen eingegraben. Als er sich bereits halb auf dem Weg zurück in die Kabine gemacht hat, fasse ich mir ein Herz und rufe ihm hinterher. Ob er wüsste, dass er ein Fanliebling sei und ob der Druck dadurch noch viel größer auf ihm laste. Verschmitzt grinst er mich an. "Druck gibt es in Dortmund nie." sagt er und zwinkert mir zu.

Auf dem Weg zurück zur Bahn läuft mir Christine McVie wieder durch die Kopfhörer. Oh, I want to be with you everywhere. Ich muss kurz schmunzeln. Selbst in einer U-Bahn, die stecken bleibt, selbst an Abenden wie diesem, merke ich: Ich sitze gern genau dort, auf dieser Pressetribüne, und schaue diesen Männern dabei zu, wie sie einem Ball hinterherlaufen. Auch wenn es nicht besonders schön ist. 

Als Dortmund Fan liebt man halt, trotz aller Markel.

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