BVB mit Auswärtssieg in Wolfsburg Hat hier jemand Titelkampf gesagt?
Wir sind nur drei Punkte hinter den Bayern – jaaaaaaaa!! Also zumindest mal für 24 Stunden. Im nasskalten Wolfsburg müht sich der BVB mit ordentlich Glück zum Sieg. Unser Spielbericht.
Was wäre das für ein schöner Samstag in Dortmund gewesen: 12 Grad, Sonnenschein, trocken. Aber nein: Es geht nach Wolfsburg. Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt, Nieselregen. Auf dem Gehweg liegt Schneematsch, auf der Aller sogar Eisschollen. Die Schornsteine vom VW-Werk verschwinden im Nebel. Thermounterwäschewetter. Aber hey: Immerhin ist es im ICE muckelig warm, top Anreise! Nach der Ankunft noch kurz in die Kneipe, die fest in schwatzgelber Hand ist. Wären Stadt, Stadion und Verein nicht so belanglos: Wolfsburg wäre eine 1A-Auswärtsfahrt.
Und dann stimmt auch noch die Ausgangslage: Wolfsburg steht weit unten in der Tabelle, hat die letzten beiden Spiele verloren. Der BVB die letzten vier gewonnen. Obendrein hat Nico Schlotterbeck mit seinen Meister-Äußerungen nach dem Heidenheim-Spiel noch den Titelkampf ausgerufen. Kleiner Disclaimer: Der Spielbericht entstand noch vor dem Spiel der Bayern gegen die starken Hoffenheimer.
Was die Laune in Wolfsburg ein wenig trübt: Der BVB spielt schon wieder nicht in den Vereinsfarben Schwarz und Gelb. Meine Güte ey. Könnt ihr euch an eine Saison erinnern, in der wir so häufig in Auswärtstrikots spielten? Abermals erklingen schon vor dem Anpfiff die Gesänge: „Wir wollen …“ Ihr wisst schon was.
Apropos Gesänge: Die Ultragruppen haben sich auf Ober- und Unterrang verteilt. THE UNITY unten, DESPERADOS oben. Und so herrscht bis in die hintersten Reihen des Gästeblocks eine richtig gute, ausgelassene Stimmung – gerade bei den Wechselgesängen und auch bei dem neuen Lied „Meine Borussia“. Top!
Während Wolfsburgs Trainer Daniel Bauer im Vergleich zur Auswärtsniederlage in Köln gleich sechs neue Spieler aufstellt, startet Trainer Niko Kovac an seiner alten Wirkungsstätte ohne Überraschungen in der ersten Elf. Auf Mane und Couto, Adeyemi und Can muss er ohnehin verzichten. Aber: Luca Reggiani, Mathis Albert und Samuele Inacio sitzen zumindest mal auf der Bank und erweitern so den Profikader, der nach Ansicht der sportlichen Leitung ja breit genug ist. Nun ja.
1. Halbzeit
Das Spiel startet gleich mal mit einer kleinen Aufregersituation: In der zweiten Minute räumt Fischer Daniel Svensson an der Außenlinie recht hart ab. Da kann man ruhig mal Gelb geben, Herr Timo Gerach. Ja, auch schon so früh.
Der BVB will früh im Spiel die Kontrolle übernehmen, entwickelt aber erst mal keine wirklichen Torchancen. Wolfsburg hat hingegen kaum mal längere Ballbesitzphasen. Zwar gibt es nach Ballverlust den ein oder anderen Konter, aber Borussia steht hinten sicher. Schlotterbeck, Anton und Süle laufen die Bälle ab, lassen keine Großchancen zu. Die Ausnahme: In der 25. Minute vertändelt Anton im Mittelfeld den Ball. Mohamed Amoura ist durch, läuft auf Kobel zu, setzt den Ball aber über das Tor. Glück gehabt.
In der 31. Minute dann die bis dahin dickste Torchance: Brandt mit super Ball auf Ryerson, der legt zurück auf Beier. Schuss aus zentraler Position, Denis Vavro stellt noch den Fuß rein, und lenkt den Ball unter die Latte. Sieben Minuten später: Ecke für den BVB. Ryerson reißt beide Arme nach oben, bringt den Ball an den ersten Pfosten, wohin sich Brandt aus zentraler Position geschlichen hatte. Kopfball auf die Torwartecke, drin. Jawoll! Richtig schöne Variante. Julian Brandt, das Kopfballungeheuer.
Wir spielen eine wirklich gute erste Halbzeit, stehen hinten sicher, dominieren das Spiel. So könnte es in der zweiten Hälfte gerne weitergehen!
2. Halbzeit
Könnte. Der BVB startet unsicher. Einen völlig unnötigen Fehlpass von Kobel können die Wolfsburger zum Glück nicht ausnutzen. In der 51. Minute holt sich Schlotterbeck nach einem Handspiel die fünfte gelbe Karte ab und fehlt gegen Mainz. Damit nicht genug: Beim folgenden Freistoß von Arnold geht Schlotterbeck nach leichtem Schubser im Strafraum zu Boden. Der Ball segelt direkt auf den Kopf des deshalb völlig freien Koulierakis. Tor. Mist. Nur zwei Minuten später verpasst Amoura dann denkbar knapp sogar das 2:1. Und zum ersten Mal machen sich die hüpfenden und singenden Heimfans bemerkbar. Hat ja auch nur fast ne Stunde gedauert.
Es fühlt sich mal wieder alles so typisch BVB an: Du spielst 45 Minuten lang echt guten Fußball, aber bist mit Anpfiff der zweiten Halbzeit ohne erkennbaren Grund verunsichert und bringst Wolfsburg zurück ins Spiel. Warum nur?
In der Folge kommt Wolfsburg weiter zu guten Chancen: Wieder ist es Amoura, der erst deutlich über das Tor, dann deutlich neben das Tor schießt – und vier Minuten später an Kobel scheitert. Kovac bringt Silva für Ryerson, aber die zwingenden Torchancen fehlen dem BVB in der zweiten Hälfte total. Beispielhaft dafür: Als eine Flanke mal wieder viel zu ungenau und lustlos in den Strafraum segelt – diesmal von Süle – beschwert sich der verzweifelte Serhou Guirassy deutlich. Wolfsburg ist vorne konsequenter: In der 80. Minute köpft Majer den Ball an die Latte. All die Ordnung in der Defensive fehlt in der zweiten Hälfte.
Als man sich gedanklich schon auf ein Unentschieden eingestellt hat, weil nach vorne wenig geht, kombinieren sich Nmecha und Silva in der 87. Minute in den Strafraum. Der Ball kommt zu Guirassy, der ihn gleich vor dem Gästeblock flach ins Tor schießt. Riesiger Jubel, Umarmungen, geballte Fäuste. Jaaaaaaaa! War es im Gästeblock sicherlich auch wegen der mauen Leistung in Halbzeit zwei etwas ruhiger geworden, schallt es jetzt „Unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz“ durchs Stadion.
Kurz vor Schluss fälscht Özcan noch einen Schuss von Arnold an die Latte ab. Mein Gott, wir haben aber auch ein Glück heute. Luca Reggiani kommt noch zu seiner ersten Profiminute – und dann ist Schluss. Borussia Dortmund rückt für mindestens 24 Stunden auf drei Punkte an die Bayern heran. Zwar mit ordentlich Glück, aber sei’s drum! Geil! Bei den Feierlichkeiten vor dem Gästeblock schickt Nico Schlotterbeck noch Siegtorschütze Serhou Guirassy, der zuletzt zu Recht in der Kritik stand, vor die Kurve. Feine Geste!
Bevor wir jetzt ein riesiges Titelkampf-Fass aufmachen, nur ein Gedanke dazu: Wie bekloppt ist das bitte alles eigentlich? Man spricht von den „Überbayern“, lässt sich vom „Kovac-Fußball“ die Laune vermiesen, hört bei einer 1:0-Führung Pfiffe im Westfalenstadion – und steht jetzt über Nacht mit drei Punkten Rückstand auf dem zweiten Platz. Was für eine merkwürdige Gemenge- und Gefühlslage.
Vorschlag: Lasst uns das „Titel“ aus „Titelkampf“ erst mal streichen und in den kommenden Wochen vor allem mehr „KAMPF“ wagen. Und uns daran erfreuen, wie gut es gerade läuft. Borussia wir sind immer für dich da!
Schauen wir mal, was die Bayern heute Abend machen …