Unsa Senf

Vom heißen Scheiß zum Trümmerhaufen

18.02.2022, 14:42 Uhr von:  Sascha
Malen applaudiert der Südtribüne, daneben Marco Reus, der sich mit der linken Hand an die Stirn packt. Im Hintergrund noch Zagadou und Wolf mit derimierten Gesichtsausdruck

Im Februar 2013 haben wir auswärts in Donezk gespielt und sind auf diesem Wege ins Finale der Champions-League gestürmt. Gestern wurde man von einem international zweitklassigen Gegner vorgeführt. Und die schlechte Nachricht: das wird auch erst einmal nicht besser werden.

Die Zahlenkombination „09“ ist natürlich äußerst beliebt in Dortmund – zeitlich gesehen beschreibt sie aber auch sehr eindeutig den sportlichen Verfall des BVB. Vor neun Jahren stand Borussia Dortmund im Finale der Champions League. Man war, platt gesagt, der „heiße Scheiß“ in Europa. Nunja, das mit dem Scheiß stimmt heute wohl auch noch, aber das „heiße“ wurde ersatzlos gestrichen. Borussia Dortmund in der Saison 2021/2022 ist ein ziemliches Desaster, das nur durch eine Vielzahl knapper und häufig auch glücklicher Siege in der Bundesliga und dem damit verbundenen zweiten Tabellenplatz nicht zu einer Vollkatastrophe werden wird.

In der Champions League ist der BVB in einer machbaren Gruppen mit Ajax Amsterdam, Sporting Lissabon und Besiktas Istanbul ausgeschieden. Dabei wurde man auch mit nahezu „voller Kapelle“ in Amsterdam vorgeführt und war mit einem 0:4 noch verdammt gut bedient. Das Unternehmen Titelverteidigung scheiterte im DFB-Pokal schon recht früh mit einer Auswärtsniederlage beim Zweitligisten St. Pauli. Grundsätzlich kann so etwas passieren, aber einerseits präsentierte man sich dort ziemlich indiskutabel, andererseits zeigte man schon davor im Heimspiel gegen den Tabellenletzten der zweiten Liga Ingolstadt eine verdammt schwache Leistung. In der Europa League wurde man nun von den Glasgow Rangers, die international gesehen einfach zweitklassig sind, zuhause böse mit 2:4 verhauen und nur der Umstand, dass der Rangers Keeper Guerreiros Schuss mäßig interessiert zuschaute, statt sich zu bewegen, bewirkte, dass man noch eine Restchance im Rückspiel hat. Wobei auch ein Weiterkommen das Leiden vermutlich nur verlängern würde. Dass man mit diesem Haufen ernsthafte Titelchancen hat, glaubt am Borsigplatz mittlerweile niemand mehr.

Von einer strukturierten Mannschaft zu einer Problemansammlung

Wo es vor 9 Jahren noch eine bewusst zusammengestellte Mannschaft mit einer klaren Spielidee gab, ist man mittlerweile bei einem wilden Sammelsurium unterschiedlicher Problemfälle angekommen, das man nicht mehr mit zwei, drei Zu- und Abgängen in den Griff bekommt. Die Liste derjenigen Spieler, die man gerne halten würde, ist massiv schneller runtergebetet als all die aufzuzählen, von denen man sich trennen müsste.

Da ist einerseits die Riege der etablierten Altstars, die gleichzeitig auch die Spitze der Gehaltstabelle darstellen, aber die Lösungen für die Probleme oft genug nur vor dem Mikrofon kennen und nicht mehr auf dem Platz. Dann die Gruppe der Spieler, die es sich hier in Dortmund bequem gemacht haben, weil sie wissen, dass sie woanders mit viel mehr Druck und vermutlich deutlich weniger Gehalt zu rechnen haben. Und am Ende Spieler, bei denen man sich wirklich fragt, wie sie es zum Profifußball geschafft haben, weil man kaum unterscheiden kann, ob es sich bei ihrer Aktion jetzt um einen verunglückten Torschuss oder nur um die übliche völlig unterdurchschnittliche Ballannahme gehandelt hat.

Massive Gefahr für die weitere Entwicklung

Auch abseits des Geschehens auf dem Rasen passieren Dinge, die bedenklich sind: Wenn in der Halbzeitpause des Rangers-Spiels ein Kicker, der gerade erst disziplinarisch aus dem Kader geworfen wurde, mit tief in die Jacken geschobenen Hände herumsteht und quatscht, statt zumindest den Eindruck zu erwecken, sich aufzuwärmen und neben Jude Bellingham die Spieler Tigges, Moukoko und Passlack – denen man die Niederlage am wenigsten ankreiden kann – zur Süd gehen, während der Rest bereits plaudernd auf dem Weg in die Kabine ist, dann sind das ziemliche Alarmzeichen. Aus den „Mentalitätsmonstern“ von einst ist ein überbezahlter, überbequemer und qualitativ oft auch überbewerteter Haufen geworden, der nahezu untrainierbar ist. Was aber auch daran liegt, dass man Trainer verschiedener Spielstile munter austauscht, ohne bei Spielertransfers den Anschein zu erwecken, eine stringente Linie zu verfolgen.

Für den BVB eine Gefahr, die man nicht hoch genug bewerten kann. Es hat 9 Jahre gebraucht, um den Kader herunterzuwirtschaften und vermutlich dürfte es ähnlich lange dauern, um ihn wieder strukturell neu zu gestalten. Selbst ohne die coronabedingten Zahlungsausfälle wäre es dem BVB nicht möglich, sämtliche „Problemfälle“ innerhalb einer oder zweier Spielzeiten loszuwerden. Jetzt fehlen einerseits die Mittel, andererseits wird man „nach der Pandemie“ darum kämpfen müssen, die Fans wieder für den BVB zu begeistern. Wie das mit diesem Trümmerfußball gelingen soll, ist allerdings völlig schleierhaft.

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