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BVB siegt, Polizeistrategie wirft Fragen auf Zwischen Bochum und Mainz liegen 363 Tage. Und Welten.

14.02.2026, 14:07 Uhr von:  Michael    
Ryerson setzt sich im Zweikampf durch

Der BVB siegt gegen Mainz und liegt weiterhin ganz souverän auf Champions League-Kurs. Eine Entwicklung, die vor Jahresfrist nicht absehbar war. Ein entspannter Abend im Westfalenstadion also, auch wenn die Polizei NRW sich anscheinend etwas anderes wünschte.

Rückblick

Vor 363 Tagen stand ich im Bochumer Ruhrstadion. Der BVB kam krisengeplagt in die Nachbarschaft. Nico Kovac, mit viel Skepsis empfangen, war mit einer Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart in seine BVB-Zeit gestartet. In der Champions League konnte er immerhin einen Sieg gegen Sporting Lissabon holen. Nun also das Auswärtsspiel beim Abstiegskandidaten von der Castroper Straße.

Die ersten fünf Spielminuten gingen im Pyrorauch unter. Nichts war vom Spielfeld zu sehen. Es waren die schönsten Minuten des gesamten Spiels. Eine völlig verunsicherte Mannschaft verlor das Spiel mit 0:2 und fand sich auf Platz 11 der Tabelle wieder. Bereits nach zwei Spielen stand Nico Kovac unter Druck.

Zurück in die Gegenwart

Der BVB steht souverän auf dem zweiten Platz der Tabelle. Zuletzt rückte Platz eins sogar wieder in greifbare Nähe. Und gegen den „Internationalen Karnevalsverein“ Mainz 05 geht die Siegesserie des BVB weiter. Mit 4:0 werden die Narren zurück nach Rheinhessen geschickt.

Der Mainzer Gästeblock mit einem großen Banner "Internationaler Karnevalsverein"
Bunt, bunter, Mainzer Gästeblock.

Innerhalb eines Jahres hat Nico Kovac einer völlig verunsicherten, defensiv desolaten Mannschaft neue Sicherheit eingepflanzt. Und doch, totale Zufriedenheit findet man in Dortmund nicht. Im schwatzgelb-Forum, dass den Beinamen Forum des Todes nicht zu Unrecht trägt, gibt es im Wochentakt neue Beiträge, dass „Kovac-Fußball“ doch Scheiße und irgendwie eh alles doof ist. Nun ist es altbekannt, dass in einem Internetforum viel Meinung bei mal mehr, mal weniger und mal ganz viel (Looking at you Will Kane) Ahnung vorherrscht. Aber auch in den Medien kommt der BVB nicht immer gut weg. So titelte der Spiegel nach dem Sieg gegen Werder Bremen „Wie blutleer kann man spielen und trotzdem (fast) immer gewinnen?“

Was hat sich also innerhalb eines Jahres verändert und warum sind viele immer noch so kritisch?

1. Der BVB arbeitet Fußball

Beier im Laufduell mit einem Mainzer.
Prototyp des Kovac-Fußballers: Maximilian Beier

„Malocher-Fußball“ – das war in Dortmund angeblich immer gern gesehen. Grätschen, Sprints, Rennen bis der Arzt kommt, da verzeiht man auch mal technische Fehler. Hauptsache es wird gearbeitet. Wenn wir aber mal ehrlich in uns gehen, dann ist das schon seit einigen Jahren nicht mehr der Fall. Da wird dann mal ein Marcel Schmelzer ausgepfiffen oder einem Maximilian Beier, der sich bei jedem Einsatz reinhaut, bis es nicht mehr geht, die BVB-Tauglichkeit abgesprochen. Gleiches gilt, wenn auch (vermutlich aufgrund der niedrigeren Ablösesumme) in geringerem Maße, für den Assist-Helden des gestrigen Abends, Ryerson. Auch hier hörte man immer wieder kritische Stimmen, dass der Einsatz zwar okay ist, die Technik aber einfach nicht für BVB-Standards reicht.

Bei Niko Kovac ist Intensität allerdings ein Grundpfeiler des Spielstils. Der BVB steht sowohl bei den Sprints, bei den intensiven Läufen und bei der Laufdistanz auf Platz 2. Und deswegen steht Arbeiter (im besten Sinne) Maximilian Beier dann in der Startelf und Techniker Chukwuemeka sitzt erstmal auf der Bank. 

2. Mache das, was du kannst.

Kovac hat das System so umgestellt, dass es die Stärken der Spieler betont. Gregor Kobel muss das Spiel nicht aufbauen, Ryerson und Svensson dürfen die Linie hoch und runter laufen, ohne sich im Kleinklein hinten rausspielen zu müssen, Anton darf in der zentralen Defensive abräumen und alle Spieler dürfen den Ball auch mal rausbolzen, wenn es zu heikel wird. Elegante Spieleröffnungen, wie Sahin sie wollte? Nein, es fehlen die Spielertypen, also lieber erfolgreich als schön.

3. Defensive vor Offensive

Süle im Zweikampf mit einem Mainzer.
Neu in Dortmund: Stabile Defensive

Seit Jürgen Klopp war die Stabilisierung der Defensive für alle Trainer eine nicht zu lösende Aufgabe. Jetzt stellt der BVB die zweitbeste Defensive der Liga und Gregor Kobel hat die meisten Zu-Null-Spiele als Torwart. Und das alles mit dem nahezu gleichen Personal, dass auch Nuri Sahin zur Verfügung hatte. Zauberei? Nein, denn auch das gehört zur Wahrheit: Die Stabilisierung der Defensive geschah auf Kosten der Offensive. Der BVB spielt extrem risikolos. Gerät der BVB in Umschaltsituationen rücken deutlich weniger Spieler nach, die Verteidigungslinien bleiben möglichst geordnet.

Besonders deutlich wird dies gegen tiefstehende Mannschaften. Das ganze Spielsystem ist sehr statisch, es gibt wenig Bewegung und in der Regel verlagert man das Spiel so lange auf die Flügel, bis sich die Chance für eine Flanke ergibt. Dies kann dazu führen, dass es lange Phase des Ballbesitzes im Spiel gibt, ohne wirkliche Torchancen herauszuspielen. Wer das Heimspiel gegen Bremen gesehen hat, weiß, wovon ich spreche. Das minimiert das Risiko eines Ballverlusts im zentralen Bereich und führt dazu, dass der BVB viel weniger Umschaltgegentore als früher kassiert. Es ist aber von außen manchmal wirklich langweilig anzuschauen.

4. Brutale Effizienz und Standardstärke

Guirassy köpft den Ball nach einer Ecke ein.
Einmal mehr ein Standardtor

Daniel Batz, Torwart der Mainzer, hatte bis zur Pause nicht einen Torschuss des BVB halten können, den Ball aber bereits dreimal aus dem Netz geholt. Der BVB macht derzeit aus wenigen Chancen viele Tore. Dazu kommt eine lange nicht gesehene Stärke bei Standards. Schön herausgespielte Tore nach herrlichen Kombinationen haben Seltenheitswert, Spiele in denen der BVB sich Chance um Chance herausspielt auch. 4. Punkt, selbes Muster: lieber erfolgreich als schön.

 

Auf in die Zukunft

Das Notwendige erledigt: Niko Kovac

Niko Kovac hat in seinem ersten Jahr das gemacht, was das Team brauchte, um wieder erfolgreich zu sein. Ihm das jetzt vorzuwerfen, ist schon absurd. Gleichzeitig ist nun der Zeitpunkt, auf das Erreichte aufzubauen und sich weiterzuentwickeln. Der BVB muss bessere Strategien gegen tiefstehende Teams finden. Er muss variabler im Angriff werden. Führungen wurden zuletzt zu häufig noch aus der Hand gegeben (Stuttgart, St. Pauli, Wolfsburg), hier darf man das Spiel nicht zwischenzeitlich so herschenken. Eine erste Weiterentwicklung war gestern schon zu sehen. Auch in der zweiten Halbzeit dominierte der BVB das Spiel und war dem vierten Tor näher als Mainz dem ersten. Dies war in der Vergangenheit nicht immer so, als man sich nach Führungen tief zurückzog und dem Gegner das Spiel überließ.

Aber auch auf Fanseite ist eine Entwicklung dringend nötig. Sascha hat dies 2019 bereits gut beschrieben. Selbst bei altbekannten Fangesängen lag die Mitmachquote der Südtribüne gestern bei vielleicht 30 % und besonders die Außenblöcke waren beim Schlusspfiff bereits deutlich geleert. Der BVB hat zum ersten Mal seit längerem die Möglichkeit, sich aus einer stabilen sportlichen Situation weiterzuentwickeln. Dies setzt jedoch die Geduld des Anhangs voraus. Dann können wir in einem Jahr immer noch schauen, wie viel Welten uns dann von Bochum und Mainz trennen.

Das Ärgernis des Spieltags

Als ich gegen 19 Uhr den Platz vor der Nordtribüne erreichte, war ich begeistert. Die Mainzer hatten zu Karneval offenbar eine Polizei-Mottofahrt ausgerufen. Der Vorplatz stand voll mit Polizeiautos und wimmelte von Polizeikostümen. Einige hatten sich sogar als berittene Polizisten verkleidet. Mit echten Pferden! 

Aber im Ernst: Mit welchem Grund entspricht das Polizeiaufgebot gegen Mainz 05 dem eines Derbys? Warum werden Fangruppen bis in das Stadion hinein von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet? Warum stehen vermummte Polizisten unterhalb der Süd? Hat die Polizei NRW am Karnevalswochenende nicht genug zu tun? Und wann beschwert sich der erste Gewerkschaftler wieder über zu viele Überstunden bei der Polizei?

Für mich gibt es zwei Erklärungen für das massive Polizeiaufgebot: Die erste wäre eine nicht öffentlich kommunizierte Bedrohungslage. Die zweite ist eine Eskalationsstrategie seitens der Polizei mit dem Ziel Ausschreitungen zu provozieren, um die Sicherheitsdebatte zu befeuern. Dafür spricht leider das Auftreten der Polizei gegenüber der aktiven Fanszene. Sollte zweiteres wirklich zutreffen, gehören die Entscheidungsträger dringend von ihren Positionen entfernt.

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