Als im März 2020 während der ersten Corona-Welle plötzlich die Stadien schlossen, brach für mich eine Welt zusammen. „Die können mir doch nicht mein Derby nehmen“, war damals mein erster Gedanke. Wenige Wochen später war Fußball plötzlich ganz weit weg. Es ist schon erstaunlich, wie sich Prioritäten verschieben können und auf einmal neue Realitäten entstehen, die man nie für möglich gehalten hätte. Lange Zeit rückte Fußball für mich in den Hintergrund. Auf leeren Rängen mit großem Abstand wollte ich meine Borussia nicht verfolgen.Und dann kam der letzte Spieltag der Saison 21/22 und die Verabschiedung von Michael Zorc. Ich hätte mir kein besseres Spiel aussuchen können, um zurück zum Fußball zu finden. Ich liebe den Sport, klar. Aber ohne Emotionen nützen mir kein Traumpass, kein Traumtor und kein Traumspiel. Es war der Abschied eines verdienten Spielers, der mich zurück zur Borussia holte.
Als wir in den letzten Tagen in der Redaktion über den aktuellen emotionalen Zustand unseres Fandaseins philosophierten, kristallisierte sich vor allem Ernüchterung heraus. Irgendwie war man vielem überdrüssig geworden. Borussia war irgendwo zwischen Pflichttermin und „Da war doch mal was“ angekommen. Aber es sind Spieltage wie diese, die einem dann doch wieder zeigen, worauf es am Ende immer ankommt: die Emotionen.
Denn auch wenn der Abschied von Sebastian Kehl relativ schnell abgehandelt wurde, wurde mal wieder eines deutlich: Wenn du dein Herz in Borussia investierst, bekommst du die Liebe der Tribüne zurück. Der Applaus war deutlich und der Abschied insgesamt versöhnlich. Kein Tränenmeer, keine Nostalgiewelle. Aber versöhnlich. In diesem Zusammenhang denke ich auch gerne wieder an meine Lieblingsmomente mit Kehl: „Ja soll ich ihm jetzt die Kamera zertrümmern?“ und eine mehr als interessante Tuchfühlung mit dem Schiedsrichter. Emotionen halt.
Auf der anderen Seite des Stadions stand heute der ehemalige Randalemeister aus Frankfurt. Auch diese „Minichoreo“ habe ich in guter Erinnerung. Eine etwas größere Choreo hingegen zog sich kurz vor Anpfiff über die Südtribüne: eine große Blockfahne und gold-schwarze Pappen. The Unity feiert dieses Jahr ihren 25. Geburtstag und wir gratulieren auch auf diesem Wege noch einmal zum Vierteljahrhundert und sagen Danke für Hingabe und Einsatz in Schwarzgelb. Lasst euch feiern!
Hinein ins Spiel
Eine Minute und 22 Sekunden hat es gedauert. Da lag der Ball hinter unserer Torlinie. Und auch wenn es für den BVB heute quasi nur noch um die goldene Ananas ging, abschenken musste man den Saisonausklang nun wirklich nicht. Aber irgendwie fanden die Schwarzgelben zunächst nicht ins Spiel. Erst nach rund 15 Minuten wagte Sabitzer einen ersten Schuss aus rund 20 Metern aufs Tor, der aber am rechten Pfosten vorbeikullerte. Doch die Borussia blieb dran und nur gute zwei Minuten später rettete Zetterer Inacios Kopfball von der Linie.
Viel Spielfluss kam zunächst nicht zustande. Ständig lag ein Frankfurter auf dem Boden und das Spiel wurde unterbrochen. Nach 24 Minuten dann ein weiterer Schussversuch. Dieses Mal versuchte Jule Brandt sein Glück, den Ball aus rund 20 Metern hinter die Torlinie zu befördern. Stattdessen landete der Ball wieder bei Michael Zetterer. Es war noch keine halbe Stunde gespielt, da schaffte Guirassy das nahezu Unmögliche: Aus fünf Metern beförderte er den Ball mutterseelenallein über das Tor hinweg. Wie gut, dass er ohnehin im Abseits stand. Auch im weiteren Verlauf stand sich der BVB immer wieder selbst im Weg. Fand man den Weg in den Strafraum, machte man es sich unnötig schwer und verlor den Ball durch zu kompliziertes Passspiel. Aber Frankfurt war abgemeldet. Es spielte nur noch der BVB. Ergiebig war das allerdings nicht.
Die Erlösung folgte kurz vor der Pause – und das direkt mit einem richtig schönen Spielzug: Auf der rechten Seite behauptete Brandt den Ball, spielte ihn zu Sabitzer, der ihn in den Lauf von Ryerson weiterleitete. Dessen Flanke landete passgenau vor den Füßen von Guirassy – und dann im Frankfurter Tor. Und nur wenig später klingelte es erneut im Frankfurter Kasten. Bellingham und Beier spielten die Frankfurter Abwehr auf der linken Seite aus und bedienten Schlotterbeck in der Mitte, der zum 2:1 vollendete. Ein versöhnlicher Ausklang der ersten Hälfte.
Viel Stimmung in Halbzeit zwei
Weiter ging’s – dieses Mal Richtung Südtribüne. Dortmund kam gut ins Spiel, aber trotzdem klingelte es zunächst wieder in unserem Kasten. Glücklicherweise stand Chaibi im Abseits. Im weiteren Verlauf der zweiten Halbzeit ging das Spiel recht ausgeglichen hin und her. Nach gut einer Stunde wehrte Kobel einen erneuten Schuss auf das Dortmunder Tor zur Ecke ab, die jedoch nicht weiter gefährlich wurde. Auf der anderen Seite war es hingegen Brandt nicht vergönnt, sich bei seinem letzten Heimspiel mit einem Tor zu verabschieden. Sein Kopfball aus kurzer Entfernung wurde von Zetterer abgewehrt.
Es war kein schlechtes Spiel der Schwarzgelben, aber so richtig zünden wollte es auch nicht. Das sah wohl auch Kobel so, der in der 69. Minute einen kleinen Ausflug außerhalb des Sechzehners wagte, um ein wenig Spannung in die Öde zu bringen. Und als man wirklich das Gefühl hatte, auf den Rängen ein wenig wegzudösen, tönte von der Südtribüne ein altbekanntes Lied: shalalalalalala…sch***. Begleitet wurde das Ganze von einem halben Kung-Fu-Tor von Inacio, der sich wie ein Schneekönig freute. Glückwunsch zum ersten Bundesligator an dieser Stelle!
Nach 74 Minuten war dann Schluss für Jule Brandt. Brandt – vermutlich einer der Spieler, die für immer ein großes Fragezeichen hinterlassen werden. Ein Spieler, bei dem man sich immer gefragt hat, warum er sein volles Potenzial nie ganz abrufen konnte. Aber auch hier zeigte sich die Süd wieder von ihrer besten Seite: Mit einem tosenden Applaus und lauten Sprechchören wurde Brandt ein letztes Mal vor heimischem Publikum ausgewechselt. Mit einer komfortablen Führung feierte es sich dann auch direkt viel besser. Das „Ballspielverein Borussia aus Dortmund“ wird für immer mein absolutes Lieblingslied bleiben.
Viel passierte nicht mehr auf dem Rasen. Während das Spiel also so dahinplätscherte, stimmte man sich deshalb schon einmal auf die zwei schlimmsten Spiele der kommenden Saison ein: vom hüpfenden Stadion bis hin zu Conny Kramer. Und was soll ich sagen: Vor sechs Jahren hat mir die Tatsache, auf diese Spiele verzichten zu müssen, das Herz gebrochen. Heute muss ich gestehen: Sie haben mir nicht gefehlt. In diesem Sinne: Scheiß S04.
Fußball wurde übrigens auch noch gespielt. Und das sogar nicht besonders gut. Denn plötzlich lag der Ball wieder in unserem Kasten. Doch der BVB biss noch einmal auf die Zähne und brachte die letzten Minuten erfolgreich über die Bühne. So verabschiedet man sich aus dem heimischen Tempel: mit einem Sieg.
Gedanken zum Drumherum
Vielleicht habe ich die Fanszene aus Frankfurt falsch in Erinnerung, aber das war gestern schon recht nüchtern. In der ersten Hälfte shalalate man sich so durchs Spiel und mit Ausnahme kurzer Hassbekundungen war nicht viel zu hören auf der Nord. In Halbzeit zwei wurde es hin und wieder etwas lauter, aber man muss wohl festhalten: Es ist nicht mehr viel übrig vom ehemaligen Randalemeister.
Auch auf der Süd singsangte man sich eher durch die erste Hälfte. Aber vor allem die zweite Halbzeit bot doch alles, was den Fußball ausmacht: ein hüpfendes Stadion, das sich nach Jahren der Abstinenz in null Komma nix wieder auf den gemeinsamen Feind verständigen konnte, lautstarke Abschiede und gute Laune zur Vizemeisterschaft. Emotionen halt.
In diesem Sinne: Wir sehen uns nächste Saison, schönstes Stadion der Welt!