Es schneit in Dortmund. Kein entschlossener Schneefall, sondern eher ein vorsichtiges Herantasten des Winters, als wolle er prüfen, ob er hier überhaupt noch erwünscht ist. (Januar ist der neue Dezember, muss man wissen). Es ist saukalt, diese ehrliche, beißende Kälte, die mit scharfen Windböen einhergeht und sich im Nacken festsetzt. Ich sitze auf der Pressetribüne und bin dankbar für das beheizte Stadionkissen, das mir meine Mama zu Weihnachten geschenkt hat. „Sind doch die richtigen Farben, oder?!“, hatte sie gesagt. Schwarz-gelb. Natürlich.
Noch bevor ich meinen Platz einnehme, rascheln die Aufstellungszettel durch den Medienbereich. Und dann sehe ich ihn: Filippo Mané, in der Startelf. Es ist sein erstes Champions-League-Abend, an dem er auf dem Rasen steht. Und das, obwohl ich ihn seit dem Saisonauftakt gegen St. Pauli für verschollen gehalten habe. Es ist nur ein kleiner Name auf dünnem Papier, der mir aber ein breites Grinsen ins Gesicht schiebt. Ich habe ein großes Herz für Jugendspieler. Für diese Art von Hoffnung und Unbeschwertheit, die ihnen immer vorauseilt.
Als das Spiel dann beginnt, und mein Stadionkissen schön warm ist, wirkt es lange so, als würde es sich selbst noch sortieren wollen. Dortmund und Inter tasten sich ab, viel Ordnung, wenig Drang. Viel passiert in der ersten Halbzeit nicht. Sogar bei Sofascore gibt es keine Eintragungen.
Zur Pause sprechen die Daten eine klare, fast ernüchternde Sprache: Dortmund kommt in den ersten 45 Minuten auf genau einen Schuss aufs Tor, Inter auf mehrere klare Abschlüsse. Die Passquote der Italiener liegt höher, ihre Ballzirkulation wirkt sicherer und abgeklärter. Fünf Dortmunder Ecken bleiben ohne Ertrag; Silva arbeitet sich ab, und Guirassy vergibt eine Chance von jener Sorte, bei der um mich herum spürbar Unruhe aufkommt. Inter lässt aber kaum etwas zu und tut damit genau das, was solche Abende verlangen: warten. Es ist das genaue Gegenbild zu jenem Champions-League-Spektakel, das Nobby vor Anpfiff noch heraufbeschworen hatte.
Trotzdem wandert mein Blick in der ersten Halbzeit immer wieder zu Filippo Mané. Selbst aus der Distanz lässt sich seine Nervosität erahnen. Er ist nicht immer dort, wo er sein müsste; eine Szene bleibt besonders hängen, als er in einer Kontersituation nicht konsequent mit nach hinten arbeitet und Julian Ryerson ihn daraufhin unmissverständlich zurechtweist. Ab der zwanzigsten Minute stabilisiert er sich jedoch. Es folgen Grätschen, saubere Klärungen und weniger Zögern. Jedes Mal, wenn er eingreift, reagiert die Süd prompt und brav, fast ein bisschen stolz. Als hätte man kollektiv beschlossen, diesen Jungen heute zu tragen. Für die Champions League reicht es noch nicht ganz, aber sein Einsatz findet Anerkennung.
Auffällig ist die Süd aber ohnehin, aber nicht durch Lautstärke, sondern durch das, was fehlt. In der ersten Halbzeit gibt es keine Fahnen. Der Hintergrund liegt außerhalb des Spiels: Nach einem Polizeieinsatz am Fanprojekt verzichten Teile der aktiven Fanszene bewusst auf Fahnen und Choreografie. Die Kurve ist da, aber sie hält sich zurück. Das Stadion wirkt dadurch kälter, distanzierter, fast hohl. Erst in der zweiten Halbzeit tauchen wieder vereinzelt Fahnen auf der Süd auf. Stoffe bewegen sich im Flutlicht, als wolle man sich erinnern, dass man doch noch da ist.
Aber auch in der zweiten Hälfte kommt das Spiel lange nicht vom Fleck. Die Stimmung im Stadion kippt nicht abrupt, sondern sachte, fast unmerklich. Der sogenannte Kovac-Ball musste sich in den vergangenen Wochen einiges anhören: zu unansehnlich, zu defensiv, zu bieder. Dieser Champions-League-Abend scheint all das geduldig zu sammeln und vor den Zuschauenden auszubreiten.
Als Karim Adeyemi in der zweiten Halbzeit eingewechselt wird, ruft das Stadion motiviert seinen Namen. Für einen kurzen Moment liegt darin so etwas wie Hoffnung, ein letztes Aufbäumen gegen. Doch diese Motivation hält nicht lange.
Denn bis dahin ist es statistisch ein Spiel ohne Ausschläge: knapp 45 Prozent Ballbesitz für Dortmund, wenig Tempo, wenig Risiko, kaum Strafraumszenen. Dann, plötzlich, beginnt dieses Spiel doch noch. In der 80. Minute legt Federico Dimarco den Ball rund 20 Meter vor dem Tor zum Freistoß hin. Ein sauberer Schuss, direkt, präzise, unhaltbar. 0:1.
Danach ist die Stimmung final im Eimer. Als Ramy Bensebaini und Fabio Silva in der 82. Minute für Julian Brandt und Carney Chukwuemeka vom Feld müssen, wird es auf den Rängen auffallend still. Keine Pfiffe und kein Murren, sondern eher eine Leere, geboren aus Erklärungsnot.
Das zweite Tor fällt kurz darauf vier Minuten in der Nachspielzeit und fühlt sich beinahe absurd an. Der Ball kullert ins Netz, vorbei am bedienten Gregor Kobel. Es ist fast beiläufig, als hätte der Ball selbst genug von diesem Abend. 0:2. Auf den Rängen lassen viele die Köpfe hängen. Die Kälte scheint noch ein wenig tiefer zu greifen.
Die Fahnen werden nun weniger, und viele stehen auf, lange bevor der Schlusspfiff ertönt. Ausgepfiffen wird die Mannschaft nicht, als Schluss ist. Stattdessen liegt Ratlosigkeit wie ein schwerer Mantel über den Schultern, auf den Rängen ebenso wie auf dem Rasen, wo gesenkte Köpfe, ausgebreitete Arme und kurze, frustrierte Blicke zwischen den Spielern mehr sagen als jedes Pfeifkonzert.
Ich bleibe noch sitzen, das Kissen unter mir wärmer als der Abend es verdient hat, und denke wieder an Filippo Mané. Daran, wie sehr er sich angestrengt hat. Wie er gespielt hat, als sei dieses Spiel von Anfang an wichtig gewesen. Und wie er kurz vor Schluss angeschlagen das Feld verlassen muss. Dortmunds Kader wirkt einmal mehr auffällig dünn, und die vertrauten Probleme treten wieder an die Oberfläche.
Die Herbstkrise ist jetzt wohl auch eine Winterkrise. Wenigstens ist das eine Konstante, auf die man sich verlassen kann.
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