Der BVB in Bodø, Berlin & Baku

3 Spiele, 6 Tage, 09 Geschichten

Grafik einer Weltkarte mit dem Logo von Bodo/Glimt, Sabah FK und Union Berlin am jeweiligen Ort
Alle Ziele auf einen Blick · Bild: schwatzgelb.de

Von unbekannten Wegen und bekannten Gesichtern

„Und wie fliegst du?“, „Wann kommt ihr an?“, „Habt ihr den gleichen Flug?“ – es sind diese Fragen, die vor einem Champions-League-Auswärtsspiel unsere Gespräche auf der Südtribüne bestimmen.  

Es braucht keine Verabredungen, keine langen Terminfindungen. Die Auslosung gibt Zeit und Ort vor. Und die meinte es diesmal endlich wieder gut mit uns. Mit Bodø und Baku wurden die weitest möglichen Auswärtsreisen aller (fiktiven) Kugeln im Topf gezogen – und zusammen mit Berlin innerhalb von 6 Tagen angesetzt. Nördlich des Polarkreises, weiter bis ans kaspische Meer. Endlich Abenteuer statt wieder Manchester, Madrid oder Mailand.

Es geht um Orte, an denen man ohne den BVB niemals gelandet wäre. Um Flughäfen zu unmöglichen Uhrzeiten, um viel zu wenig Schlaf, um absurde Reiserouten. So führten die Wege der reisenden Borussen diesmal über Oslo, Stockholm, Kopenhagen, Narvik, Tromsø, London, Luxemburg, Danzig, Krakau, Prag, Budapest, Chișinău, Istanbul, Ankara, Izmir, Tiflis …

Einige wie wir bereisten alle Spiele in einem Rutsch, andere schafften einen kurzen Zwischenstopp zu Hause, um winterliche gegen sommerliche Kleidung zu tauschen. So unterschiedlich die Reisepläne, so regelmäßig kreuzten sich die Wege. Egal, an welchem Flughafen man umstieg, überall begegneten einem bekannte Gesichter. Es ist diese schöne Selbstverständlichkeit, mit der man irgendwo zwischen Skandinavien und dem Kaukasus andere Gleichgesinnte trifft.

3 Auswärtsspiele in 6 Tagen. 11.352 Kilometer. Das sind die Erlebnisse, über die wir noch in zehn Jahren sprechen.  

Kronleuchter und BVB-Logo auf einem Screen im Pub
Dortmunder Gemütlichkeit in der norwegischen Kneipe · schwatzgelb.de

Vom Vorabend voller Voucher

Stolz zeigt uns der Chef des Hundholmen Brygghus in Bodø sein Handy: Lokale Zeitungsreporter hatten ihn angerufen, um zu fragen, ob es denn stimme, was deutsche Medien berichten: In seinem Laden hat der BVB-Chef deutschen Fans das Bier ausgegeben? Zwei Chefs, die wohl gerne in der Zeitung stehen.

Wir wollen an dieser Stelle viel mehr den Fanbeauftragten danken! Auch für euch war dieser Reise-Marathon eine echte Anstrengung, während wir quasi nur anfeuernd am Rand standen.

Auch die Vergabe der viel zu wenigen 404 Gästetickets wurde gut gelöst. Und so befanden sich im Umschlag mit den Tickets für alle Auswärtsdauerkarten-Inhaber dann eben auch 3 Getränkevoucher für Bodøs größte Kneipe. Eine schöne Geste des BVB! 

So konnte man trotz Bierpreisen jenseits der 12 € entspannt in den Vorabend starten. Wohlgemerkt: „Vorabend“ ist nicht einfach eine Zeitangabe, es ist ein Grund früher anzureisen. Und so wurde auch im weiteren Verlauf des Abends etwas entspannter die Kreditkarte ans Terminal gehalten. Piep-Piep. 

Kleine Häuser an der Küste von Bodø
Blick vom Hafen in Bodø · schwatzgelb.de

Von norwegischer (Un)Gemütlichkeit

Kein Expressbus, überteuerter Zug oder dubiose Taxifahrer. 15 Minuten zu Fuß vom Flughafen in die Innenstadt, das Stadion direkt um die Ecke. Wo gibt's das schon? Genau, in Bodø. Wenn auf einschlägigen Buchungsportalen quasi alle Hotels “im Stadtzentrum” liegen, und man sich beim Blick auf Google Maps kurz die Augen reibt, waren diese Angaben tatsächlich korrekt. Der bequeme Fussballfan konnte also alle wichtigen Wege bequem zu Fuß zurücklegen. 

Wer hingegen bei Regen für einzelne Wege auf das Taxi ausgewichen ist, war schnell mit umgerechnet 20 € für 5 Minuten Fahrt dabei. Das musste also gut überlegt sein. Ansonsten präsentierte sich das Stadtzentrum überschaubar, der Weg dorthin war von zahlreichen bunten Holzhäusern mit schwarz-gelben Flaggen gesäumt, die im Dunkeln und bei erleuchteten Fenstern eine durchaus hyggelige Atmosphäre verströmten. Andere würden sagen: Bald ist Weihnachten. Bodøs kleiner Hafen war schnell gesehen und viele Fans nutzen das unerwartet gute Wetter am Spieltag noch für einen Aufstieg des angrenzenden Bergs Rønvikfjellet und einen sehenswerten Ausblick auf Stadt und Küstenregion.

Weniger erfreulich: Aufgrund der geringen Anzahl an Hotelzimmern in der Stadt standen Airbnb-Wohnungen hoch im Kurs. Hier gab es leider viele Stories von Gastgebern, die gar nicht oder nur sehr spät auf Anfragen antworteten, stornierten Buchungen, skurrilen Extrakosten und plötzlichen Preiserhöhungen. Klar, wenn ein Club mit reisefreudigem Anhang zu Gast ist, kann man nochmal versuchen, an der ohnehin schon großen Preisschraube zu drehen. Ist dann halt scheiße und trübt den Gesamteindruck gewaltig.

Grüne Nordlichter über einer dunklen Stadt
Nordlichter am Tag nach dem Spiel über Tromsø · schwatzgelb.de

Von Flutlicht und Nordlicht

„You can see the Northern Lights“, ruft uns eine nette Dame und Bodø-Anhängerin beim Verlassen des Gästeblocks entgegen. Noch gefrustet sagen wir einen Hauch zu unfreundlich Danke und gehen weiter. Beklager, snille dame! 

Minuten zuvor standen wir noch vor einer verdattert drein blickenden Mannschaft. Mit einem energischen, fast schon wütenden „Ob du‘s glaubst oder nicht, wir tun das alles nur für dich!“, feierte der weitgereiste Gästeblock völlig zu Recht mehr sich selbst als die schwache sportliche Leistung zuvor. 

Und während die Mannschaft sich noch auf die maue zweite Hälfte vorbereitete, kam in der Halbzeitpause tatsächlich ein „Aurora Alert“ aufs Handy. Wer gerade nicht umgeben von Flutlicht war, konnte sie über dem Hafen am dunklen Nachthimmel sehen. 

Nach dem Spiel fangen einige wenige zumindest auf Handyfotos noch einen grünen Schimmer über den Dächern Bodøs ein. Denn da sind Polarlichter wie Schiedsrichter: erst durchs Kameraobjektiv kann man‘s so richtig gut erkennen. 

Fans, die früher angereist waren oder länger in Norwegen blieben, hatten mehr Glück. Wir selbst durften das Naturspektakel gleich zwei Mal auf unserer Weiterreise nach Tromsø bewundern. Zum Fußball fahren, mit Freunden an zerklüfteten Fjorden stehen und Polarlichter sehen. Wie absurd! Wie unvergesslich!

Vom teuersten Bier der Liga

Frisch zurück aus Norwegen erscheint einem jeder Preis wie ein nie endender Räumungsverkauf bei Azad. 50 % auf alles! 

Aber die graue Realität der Bundesliga hat uns beim Zwischenstopp in Berlin schnell wieder eingeholt.

Erstmal muss man sagen, dass der Bereich hinterm Gästeblock der Alten Försterei zu den Highlights der Liga zählt. Der Bierwagen samt verqualmter Grillbude und spärlichem Toilettencontainer erinnert eher an einen Sonntagskick beim TuS Kruckel, SC Husen-Kurl oder Kirchderne in Grün. Ein schöner Ort, um bekannte Gesichter nach ihren Reiserouten zu fragen. „Mach’s gut, wir sehen uns übermorgen in Aserbaidschan!“. Völlig selbstverständlich.

Nur bei den Bierpreisen endet die Unioner Bodenständigkeit ziemlich abrupt. Statt Kreisliga-Romantik gibt's Champions League-Preise: 6,00 € sind negativer Spitzenwert im Ligavergleich und gar nicht kultig! 

Wann Getränkevoucher in Berlin, BVB-Chef?

Von einem Koffer auf Reisen

Man kennt es von der Urlaubsplanung: Habe ich an alles gedacht? Was darf überhaupt ins Gepäck? Und kommt am Ende alles heil und pünktlich an? Und jetzt das Ganze nicht mit einem Trolley voller Urlaubsklamotten, sondern mit drei kompletten Choreografien.

Keine einfachen Motive, sondern aufwendige Bilder mit liebevollen Details und komplexen Elementen. Ob tagelang und zeitlich knapp getaktet über die Straße oder samt Umstieg im Frachtraum eines Flugzeugs: auch die Choreos haben eine unglaubliche Kilometerzahl zurückgelegt. 

Passender hätte deshalb auch das verbindende Motiv kaum sein können: ein Borusse mit seinem Koffer. Erst auf einem Hundeschlitten, dann auf einer Simson Schwalbe, am Ende im Motorboot. Das war trotz starkem Wind in Bodø, Regen in Berlin und überdimensioniertem Rund in Baku jedes Mal ein absolut starkes Bild! 

Der Koffer bekam als schönes Detail jedes Mal einen neuen Aufkleber dazu. Und wir drei weitere Highlights, die wir ins kollektive Fotoalbum kleben können.

Großen Respekt an alle, die daran beteiligt waren!

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Von vollen Gläsern und leeren Fässern

Während für die einen der Vorabend in Baku erst gegen fünf Uhr morgens endete, kamen andere per Nachtflug gerade erst am Flughafen an. Ein ganz normaler Montag auf internationaler Auswärtsfahrt. Trotzdem hieß es am Spieltag erstmals um 13:20 Uhr: „Fassbier leer, wir wechseln den Laden.“

Bei Sonnenschein, kräftigem Wind und angenehmen 22 Grad färbten sich die Läden der verwinkelten Altstadt schnell schwarz-gelb. Standorte werden verschickt, Stühle dazugestellt, Tische zusammengeschoben. 

Zu Meze, großen Grillplatten und lecker-klebrigen Süßspeisen wurde das gemacht, was internationale Auswärtsspiele so besonders macht: Weit von zu Hause entfernt, in einer aufregenden Stadt, versammelt sich wie selbstverständlich ein großer Teil des eigenen Freundeskreises am Tisch. Sorglos belangloses Zeug reden, zwischendurch ganz unbewusst auch bei den ernsten Themen landen und zum Schluss ausloten, wie man die XXL-Rechnung am cleversten aufteilt. 

„Hast du heute Morgen Sightseeing gemacht? Schick mal bitte Fotos.“ Und so vergeht die Zeit, bis es nur noch 2 Stunden bis Anpfiff sind. 

Währenddessen zeigte sich in Baku ein wiederholendes Muster: Freundliche Restaurant-Besitzer tragen von überall jegliche Formen von Gläsern zusammen, verkünden irgendwann das Ende des Fassbieres, haben aber längst mit Flaschen für Nachschub gesorgt. „Sorry, do you want more beer?“ 

Eine rote Katze vor den Füßen einer Person im Stadion
Tierischer Besuch beim Youth League-Spiel · schwatzgelb.de

Von Luna und Felidae

Zum dritten Mal führte uns Borussia nach Baku: 2010, 2015, 2026. Es ist auch die Geschichte einer Stadt im Höhenflug. Das Auswärtsspiel vor ziemlich genau 11 Jahren war geprägt von einem Stadtbild mit wachsender moderner Architektur, viel Verkehr und vielen Katzen. Baku 2026 ist: mehr Verkehr, mehr Katzen und noch mehr neue Gebäude. 

Auf Erinnerungsfotos von damals erkennt man, wie Bakus Skyline immer weiter wächst. Zum Beispiel um den Crescent Park mit Einkaufszentrum, Wohngebäuden und ein halbmondförmiges Luxushotel “La Luna”. Das Öl bringt gläserne Prachtbauten. Das Öl bringt auch sportliche Großereignisse wie die Formel 1, Fußball-EM, Europa-League-Finale oder aktuell die erste FIFA-U15-WM.

Etwas außerhalb des Stadtzentrums ergab sich wiederum ein deutlich einfacheres und ärmlicheres Bild. Das hat sich im Vergleich zum letzten Besuch nicht verändert und davon konnten sich alle BVB-Fans überzeugen, die sich zum Youth League Spiel in den Vorort Masazir aufgemacht hatten. Nicht nur der Eintritt war gratis, die Katze gab’s ungefragt direkt auf den Schoß dazu.

Überhaupt: Katzen. Sie waren einfach überall – dösend auf der Treppe zur Bar, im Park und erwartungsvoll vor dem Döner-Laden. Sobald man es sich mit einem Getränk draußen gemütlich gemacht hatte, war man nicht lange ohne vierbeinigen Besuch. An vielen Ecken hatten Einheimische den Tieren kleine “Cat Hotels” mit Futter- und Wasserschalen errichtet. Katzen sind hier eher eine Art Gemeinschaftsprojekt. Wer für die Vierbeiner nicht viel übrig hat, war hier definitiv am falschen Ort.

Sicherheitskräfte stehen dicht an dicht vor der Tribüne im Station
Ordnerkette im Olympiastadion von Baku · schwatzgelb.de

Von Lichtern und Ketten im Nichts

Zum dritten Mal in Baku, zum dritten Mal ein anderes Stadion. Diesmal das moderne Olympiastadion, das trotzdem reichlich angestaubt daherkam – im wahrsten Sinne des Wortes. Und da das Stadion sich optisch an der Allianz Arena orientiert, hat man gleich auch die Lage im absoluten Nirgendwo übernommen. So viel Nichts um ein Stadion herum hat man selten erlebt. Selbst von der “nahegelegenen” Metrostation brauchte es noch einen Shuttlebus zu unserem Eingang.

Auf den endlosen, völlig überdimensionierten Asphaltflächen wedelten unzählige Volunteers mit Leuchtstäben, als würden sie den A380 zum Stadion weisen. Genug Platz wäre jedenfalls da gewesen. Passend passiert man auch die Sicherheitskontrollen mit Röntgenscanner und Metalldetektoren, bevor man für erfreulich günstige 7,50 € das Stadion betrat. 

Dort standen entlang der gesamten Tartanbahn militärische Sicherheitskräfte dicht an dicht in einer lückenlosen Kette. Mit einer etwas zu unentschlossenen Kombination aus Tarnkleidung und Warnweste, schien man fest entschlossen, jeden Zentimeter gegen Flitzer zu verteidigen.

An diesem Abend hätte hier alles stattfinden können: Staatsbesuch, Gipfeltreffen, Grenzkonflikt. Oder eben ein müder Fußballkick vor halbleeren Tribünen. 

Und so gingen sechs denkwürdige Tage zu Ende. Für manche im Hotel, für andere direkt am Flughafen und für den Rest in der wiederaufgefüllten Altstadt. 

Hut ab vor allen, die von Bodø über Berlin bis Baku dabei waren. Die 11.352 km “gefinished” haben. 

Die gleiche Anerkennung gilt auch denen, die Borussia jede Woche durch die Liga und weit darüber hinaus begleiten, für die dieses Mal jedoch nicht jedes Ziel in Reichweite lag. Immer mehr Spiele und steigende Reisekosten machen es gerade jungen, aktiven Fans zunehmend schwer, überall dabei zu sein. Auch ihr seid mitgemeint, wenn es auf den Tribünen dieses Kontinents wieder heißt: „BVB, wir sind immer da!“ 

Achja, wie fahrt ihr eigentlich nach München?

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