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"Die Euphorie unter den Fans ist riesig"

Ein stehender Löwe mit langem Schwanz der nach links schaut. In seinen pfoten trägt er einen Fahnen. Sie ist weiß mit einem blauen Streifen über die ganze Fahne
Unser Gesprächspartner: sechzger.de · Bild: sechzger.de

Zum zweiten Mal in den letzten zehn Jahren ist der TSV 1860 München zwangsweise in die Regionalliga Bayerrn versetzt worden, nachdem der Investor versprochene Darlehen nicht zur Verfügung gestellt hat. Daraufhin wurde es richtig turbulent bei den Löwen in München. Einige Stichpunkte hierzu sind „Kündigung des Kooperationsvertrags“, „Insolvenz der KGaA“ oder aber auch „Football for the people“. Über all dies haben wir kurz vor saisonstart in der Regionalliga Bayern mit der Redaktion von sechzger.de gesprochen.

Wie ist die aktuelle Stimmungslage unter den 1860 Fans?

Thomas Spiesl (redaktion sechzger.de): Grundsätzlich ist die Stimmung gerade sehr positiv bei den Spielen der Amateure oder den Testspielen. Es gibt natürlich immer ein paar graue, mürrische Männer, die laut eigenen Aussagen seit 50 Jahren zu bei den Löwen gehen und von der Champions League träumen. Aber die Situation ist halt jetzt eine andere, ich habe das Gefühl, dass die meisten Fans die Regionalliga dankbar annehmen, um den Neustart des e.V. ohne große Einflüsse von außen zu ermöglichen.

Wie waren dievergangenen Wochen seit Ende der abgelaufenen Dritt-Liga Saison?

Thomas Spiesl: Es waren sehr hektische Wochen bei den Löwen. Zwei Tage nach dem Abschluss des Dauerkartenverkaufs kündigte die HAM Ltd. von Hasan Ismaik zwei Darlehen grundlos auf, um Zugeständnisse in der Spielbetriebs-KGaA zu erpressen. Doch dieses Mal ging diese in den letzten Jahren oft erfolgreiche Taktik des Jordaniers nach hinten los. Das Geld blieb aus, die Lizenz für die dritte Liga wurde nicht erteilt und der e.V. kündigte den Kooperationsvertrag auf. Inzwischen ist die KGaA in der Vor-Insolvenz und der e.V. hat aus dem Nichts die Rahmenbedingungen für die neue Spielzeit auf die Beine gestellt. Die Euphorie unter den Löwen-Fans ist groß, denn vor ihnen liegt die erste Spielzeit seit 15 Jahren ohne Ismaik. Das Motto lautet deshalb „Freiheit für Sechzig“.

Die Euphorie unter den Löwen-Fans ist groß, denn vor ihnen liegt die erste Spielzeit seit 15 Jahren ohne Ismaik. Das Motto lautet deshalb „Freiheit für Sechzig

— sechzger.de

Das Tischtuch war von Beginn an zerschnitten

Aus der Dortmunder Ferne betrachtet hatte man den Eindruck, dass sich das Verhältnis zwischen dem Investor und dem eingetragenen Verein beruhigt hatte. War das tatsächlich so?

Florian Buch (Redaktion sechzger.de): Das hängt von der Perspektive ab denke ich. Es ist wenig nach außen gedrungen, was ein Bild der Harmonie hätte zeichnen können, jedoch war dieses Verhältnis seit dem Abstieg nie wirklich ruhig. Das Fiasko gipfelte letztes Jahr in einem Höhepunkt, als Hasan Ismaik öffentlich Uli Hoeneß einen Job bei den Löwen anbot. Wenn dir ein Teilhaber alles torpediert, kann man nicht von beruhigen reden, auch wenn es nicht in die Öffentlichkeit getragen wurde

Und was war eurer Meinung nach der Auslöser dafür, dass das Tischtuch dann schlussendlich so völlig zerschnitten war?

Florian Buch: Das Tischtuch war von Beginn an zerschnitten. Beim Kauf der Anteile wurde die Unwissenheit des Käufers ausgenutzt, worauf er sich 15 Jahre lang berufen hat. Jedoch sollte man als seriöser Geschäftsmann wissen, was man tut. Ein endgültiger Bruch ereignete sich, nachdem Zwangsabstieg 2017 als er Journalisten die Legendäre „4“ schrieb und somit den Zwangsabstieg über die Presse kommunizierte bevor überhaupt die eigenen Mitarbeiter davon wussten.

Hätte man das verhindern können?

Florian Buch: Das kann wahrscheinlich nur Hasan Ismaik selbst beantworten.

Könnte es sein, dass diese völlige Überwerfung von langer Hand vorbereitet war? Fandet ihr es überraschend, dass so schnell ein „Plan B“ aus dem Hut gezaubert wurde?

Thomas Spiesl: Die Überwerfung, wie ihr es nennt, war nicht planbar, denn niemand konnte wissen, dass Ismaik entgegen seinen Verpflichtungen, die der Kooperationsvertrag regelt, plötzlich ohne Grund zwei Darlehen aufkündigt. Es liefen ja bereits alle Vorbereitungen für die Drittliga-Saison, es gab Spielerverträge und es wurden 8.000 Dauerkarten verkauft. Die Gelackmeierten sind am Ende die Fans, die jetzt zwei Mal für ihre Saisontickets bezahlen müssen. Dennoch ist es bemerkenswert, mit wie viel Engagement die Verantwortlichen des e.V. und der neuen Spielbetriebs-GmbH in wenigen Wochen alles aus dem Boden gestampft haben, sodass es am Wochenende losgehen kann (Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview entstand kurz vor dem Saisonstart der Regionalliga Bayern).

Wie wurde das Ganze in den verschiedenen Fan-Gruppen aufgenommen? Gab es unterschiedliche Meinungen?

Thomas Spiesl: Diese gegensätzlichen Meinungen unter den Fans gibt es bei den Löwen ja schon immer. Da ist zum einen die Gruppe der aktiven Fanszene, die schon lange eine Loslösung von Ismaik gefordert hat und jetzt voller Vorfreude auf die neue Saison schaut. Dem gegenüber steht eine Gruppe von zumeist älteren Anhängern, die öffentlich kaum auftritt und vor allem durch Kommentare in den sozialen Medien mit dem Tenor „Der e.V. hat den Profifußball kaputtgemacht und Ismaik vergrault“ auffällt. Die Mehrheitsverhältnisse zeigten sich aber wie schon so oft auf der Mitgliederversammlung, wo der Gründung einer neuen Spielbetriebs-GmbH mit über 95 Prozent der Stimmen zugestimmt wurde.

Dann gab es ja relativ schnell Crowdfunding-Aktionen von denen man außerhalb Münchens vermutlich kaum etwas mitbekommen hat. Wie sind die zustande gekommen und wer hat diese initiiert?

Florian Buch: Das kann ich so nicht ganz bestätigen. Es gab ja zwei Crowdfunding-Aktionen. Eine etwas kleinere, welche Ihre Spenden direkt an den Verein gegeben hat und außerhalb des Löwenkosmos wenig Aufmerksamkeit erlangt hat und natürlich die von der aktiven Fanszene ausgerufene „Football for the People“-Aktion. Daraufhin haben mich Fans der verschiedensten Vereine kontaktiert und auch persönlich angesprochen. Es haben ja auch Fanszenen anderer Vereine gespendet. Es haben auch viele bekannte Persönlichkeiten wie zum Beispiel Wigald Boning dafür geworben, was uns natürlich super gefreut hat zu sehen.

Football for the people“ wird ja jetzt wohl auf dem aktuellen 1860 Trikot stehen. Wie wird es mit dieser Aktion weitergehen und wird diese Aktion sich auch längerfristig bei 1860 engagieren?

Thomas Spiesl: Ich denke das war eine einmalige Aktion, um eine Anschubfinanzierung für die Saisonplanungen des e.V. bereitzustellen. Wenn es nach mir geht, darf die Crowdfunding-Aktion aber auch gerne wiederholt werden. Den Schriftzug auf dem Trikot finde ich schon sehr smart, darum werden uns viele Fans in der ganzen Nation beneiden.

Den Schriftzug auf dem Trikot finde ich schon sehr smart, darum werden uns viele Fans in der ganzen Nation beneiden.

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Investoren sind mit größter Vorsicht zu behandeln

Werden wir mal etwas grundsätzlicher: Kann das, was mit 1860 in den letzten Jahren passiert ist ein Beispiel, egal in welcher Art, für den Fußball sein?

Thomas Spiesl: Ja das kann es durchaus, es kann ein Beispiel dafür sein, wieso 50+1 im deutschen Fußball so wichtig ist und Investoren mit großer Vorsicht zu behandelt sind. Allerdings muss man auch hinzufügen, dass Ismaik in 15 Jahren weder den Verein noch das deutsche Vereinsrecht oder den deutschen Fußball verstanden hat und von seinen Vertretern vor Ort stets schlecht vertreten und informiert wurde. Den Vertretern ging es meist nur um die eigene monetäre Entlohnung, nicht um den Erfolg der KGaA. Ismaik hat immer wieder versucht, sich durch das Zurückhalten von vertraglich vereinbarten Zahlungen Mehrheiten zu erpressen. Das ist jetzt am Ende für ihn zum Eigentor geworden.

Was kann oder sollte daraus gelernt werden?

Florian Buch: Investoren geht es nicht um die Fans. Investoren geht es nicht um die Fankultur. Für sie ist ein Fußballverein ein Spekulationsobjekt oder noch schlimmer: ein Spielzeug. Wenn diese Person das Interesse verliert oder es nicht so läuft wie sie will, lässt sie es einfach links liegen. Es geht nur um Profit und nichts anderes, dessen sollte man sich bewusst sein.

Investoren geht es nicht um die Fans. Investoren geht es nicht um die Fankultur. Für sie ist ein Fußballverein ein Spekulationsobjekt 

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Zwei Männer stehen links und rechts von einem sitzenden Mann. Dieser krempelt die Ärmel hoch
Ein Teil der Redaktion von sechzger.de · sechzger.de

Zurück zu 1860: Nachdem lange Zeit überhaupt nicht klar war ob 1860 überhaupt eine Mannschaft für die kommende Saison haben würde, hörte man auch schon wieder von hochtrabenden Plänen für das Sbechzger Stadion. Wie erklärt Ihr Euch das? Sollte man nicht eigentlich eher andere Sorgen haben gerade in so einer Situation?

Thomas Spiesl: Die Pläne sind bereits recht konkret was auch mit der Olympia-Bewerbung Münchens zu tun hat. Für den Fall eines Zuschlags braucht die Stadt München mehr als zwei Stadien und die Gespräche mit den Verantwortlichen der Stadt laufen deutlich besser, seit Gernot Mang am Ruder ist, was sicher auch an seinem offenen und kommunikativen Auftreten liegt. Natürlich hatte in den letzten Wochen die Gründung und Installation der Spielbetriebs-GmbH Priorität, aber die Stadion-Pläne sind keineswegs in der Schublade verschwunden.

Haltet Ihr die Pläne für realistisch? Immerhin steht das Stadion inmitten eines Wohngebiets und es gehört der Stadt.

Thomas Spiesl: Die Lage des Stadions im Wohngebiet ist hierbei kein Nachteil, da viele Altrechte bei einer Sanierung bestehen bleiben würden und die Immissionen sogar geringer wären, wenn man die Ecken des Stadions schließt und ein Dach anbringt. Das Viertel Giesing steht und fällt mit dem Grünwalder Stadion und den Löwen. Am Ende würden Stadt, Verein und Anwohner profitieren. Geplant ist aktuell eine Erbpachtlösung, der TSV 1860 München würde das Stadion dann also in Eigenregie betreiben.

Wenn man in der Historie des TSV 1860 liest und ein wenig recherchiert, fällt einem auf, dass der Verein notorisch klamm gewesen zu sein scheint. Ist der TSV überhaupt lebensfähig ohne Fremdmittelgeber?

Florian Buch: Ja mit Geld konnten wir irgendwie noch nie umgehen. Ein Verein kann nicht ohne Sponsoren überleben. Weder in der C-Klasse und schon gar nicht in der Regionalliga. Wir werden ja nicht 100% ohne Fremdmittelgeber überleben. Ein großer Vorteil sind hier die Lage und die Verbundenheit mit dem Verein. Hacker Pschorr hat ja schon eine Verlängerung der Partnerschaft angekündigt, aber auch viele Kleinsponsoren, die selbst aus der Kurve kommen und jetzt den Verein so finanziell unterstützen mit Ihren Firmen gibt es bei den Münchner Löwen.

Was müsste passieren damit der Verein ohne Investoren, Mäzene oder ähnliches auskommt und gleichzeitig keinen sportlichen Abstieg hinnehmen zu müssen?

Florian Buch: Ein gesundes Wachstum. Einen sportlichen Abstieg aus der Regionalliga Bayern kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das wäre auch logistisch für alle Vereine nicht zu stemmen. Der Verein kann das nur hinbekommen, wenn alle an einem Strang ziehen und das ist ohne einen Gesellschafter, der alles bombardiert auch endlich möglich.

Der Verein kann das nur hinbekommen, wenn alle an einem Strang ziehen und das ist ohne einen Gesellschafter, der alles bombardiert auch endlich möglich.

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Mit einem stabilen Konstrukt schnellstmöglich zurück in den Profifußball

Kann so etwas nachhaltig bei 1860 gelingen?

Florian Buch: Natürlich ist das möglich! Ich hoffe das wir mit einem stabilen Grundkonstrukt uns schnellstmöglich zurück in den Profifußball bewegen und nicht wie viele Clubs in der Regionalliga Nordost nicht mehr zurückkommen. Die Regionalliga wird auf lange Sicht nicht zu stemmen sein, aber aktuell bin ich sehr zuversichtlich das unsere Verantwortlichen das hinkriegen.

Nochmal zurück zur Stimmungslage: Wie war denn die Stimmung in der Stadt insgesamt in dieser Sache?

Florian Buch: Am Anfang gabs schon ein wenig Häme von Kollegen oder Bekannten.

Irgendwann schlug es ein wenig in Mitleid um. Mittlerweile sind sich viele einig „Sechzig gehört zu München“ und je stärker die Löwen sind, desto besser für die Stadt.

Gab es eher Mitleid oder eher hämische Kommentare, die man über sich ergehen lassen musste?

Thomas Spiesl: Beides würde ich sagen, aber das liegt vor allem daran, dass viele Leute, die nicht im Thema sind, die Hintergründe nicht kennen. Wenn der Abstieg in die Regionalliga Bayern der Preis dafür ist, Ismaik loszuwerden, dann ist es dies allemal wert. Eigentlich möchte man ja meinen, dass es für einen selbsternannten Champions-League-Titelanwärter nicht nötig wäre, sich an einem Viertligisten aufzureiben. Aber diese Frotzeleien gehören halt einfach dazu und die Löwen haben für den jetzt eingeschlagenen Weg viel Zuspruch als ganz Europa erhalten.

Nach den oben schon erwähnten Crowdfunding Aktionen: Hat sich das Stimmungsbild geändert? Gab es gar Zulauf?

Thomas Spiesl: Wie sehr die Löwenfans zu ihrem Verein stehen, haben die letzten Wochen gezeigt. Zwei Crowdfunding-Aktionen haben rund 400.000 Euro eingebracht. Zudem sind seit dem Zwangsabstieg knapp 2.000 neue Mitglieder in den Verein eingetreten. Es herrscht eine Aufbruchstimmung und der Zulauf wird auch bei den Heim- und Auswärtsspielen wieder groß sein.

Vielen Dank für das Gespräch an Florian und thomas von sechzger.de

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