Eua Senf

Es war nicht alles schlecht? Es wäre der Hammer gewesen!

02.01.2022, 09:50 Uhr von:  Gastautor
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Mosaikbild mit der U23 beim Meisterjubel, Edin Terzic auf der Bank, Lukasz Piszczek mit Marcel Schmelzer am jubeln und Jadon Sancho

Corona ist ein viel größeres Arschloch als es uns allen bewusst ist: Ich hab das Fazit der Hinrunde "Es war nicht alles schlecht" gehört und mir wurde nochmal konzertiert klar, was uns genommen wurde. Die Pandemie macht uns zu "Bayernfans" (ich erkläre gleich, wieso).

Eigentlich hätten wir doch eine unfassbar emotionale, geile Zeit gehabt im letzten Jahr! Die Aufholjagd zum Ende der Saison und der Pokalsieg...hätten wir das nur im Ansatz normal feiern können, wir wären auf der Adrenalin-Welle durch den Sommer und in die neue Saison gesurft! Es wird die Frage gestellt "Was brauchen Borussen um glücklich zu sein?/Können sie das überhaupt noch?"

Ganz einfach: Feste feiern wie sie fallen und dann JA, verdammt!

(Aber das war nur ein einziges Mal für eine kleine Gruppe nach dem Derbysieg unter großem Shitstorm und hoher Strafe möglich. Zur Info: Nach dem Pokalspiel gegen die Ponys kurvten ungefähr fünf oder sechs Polizeiautos am Trainingsgelände rum, damit, falls es erneut zu einem Empfang kommen sollte, dieser aufgelöst werden könnte.)

Was wir groß gefeiert hätten:

01. Jeden Punkt, der uns näher an die Champions League Ränge gebracht hat.

02. Golfsburg überholen, nach der Ansage von Schmadtke.

03. Die Ponys aus dem Pokal werfen.

3+1. Den Abstieg.

05. Den Abschied von Jadon Sancho.

06. Die Karriere von Manni Bender.

07. Das Trainer-Märchen: Edin Terzic hätte nach dem letzten Spiel eine sehr, sehr lange Zeit vor der Süd verbracht.

08. Lukasz Piszczek - hätte schätzungsweise 9 Ehrenrunden durch das Stadion drehen müssen.

09. Das Pokalfinale in Berlin.

10. Den Corso in Dortmund.

11. Die Meisterschaft der U23.

Aber weil all das nicht möglich war - und hier reden wir nur von einem Halbjahr! - hat sich Frust aufgestaut. Interessanterweise vergären anscheinend auch positive Emotionen, die nicht ausgelebt werden, zu schlechter Laune... Und das ist auch, der Grund, warum wir zum "Bayernfan" werden: Ich meine hier nicht die aktiven Fans oder Stadiongänger, sondern die vielen, die alles nur aus der Ferne erleben. Die, die ich hier mitten im Ruhrgebiet als Arbeitskolleg*innen habe, die nie in München sind, die Gruppenphase uninteressant finden und die ein Double als gegeben sehen, wo nur ein Triple ein Erfolg wäre, aber auch nicht zu emotionalen Eruptionen führt...weil wohin damit, allein in Bochum Langendreer oder Essen Rüttenscheid?

Nach zwei Jahren Pandemie bekommen wir also unfreiwillig ein Gefühl dafür, wie es, trotz großartiger Anlässe zum Feiern, dazu kommt, dass Fans dauerhaft nöhlig werden. Und gerade dass wir über Jahre und Jahrzehnte immer jeden Anlass - sogar verlorene Finals - gefeiert haben, wird uns nun zum Verhängnis.

Es macht zwar einerseits traurig, sich all diese Gelegenheiten auszumalen, in denen man vor lauter Überschwang Gänsehaut und Tränen in den Augen gehabt hätte. Aber ich denke, es ist auch notwendig, damit wir positiver in das Fußballjahr 2022 starten können.

In Zeiten wie diesen bleibt ja nichts anderes als sich selbst etwas vorzumachen und ich glaube, wenn wir uns vorstellen, wir hätten jedes Fest gefeiert, beurteilen wir nicht nur die Hinrunde besser, sondern verkraften auch die nächste Serie Geisterspiele leichter.

Ich wünsche mir für das neue Jahr für jeden BVB-Fan, jede Borussin und jeden Borussen, dass wir einen Weg finden, unseren Jubel und unsere Emotionen zu konservieren, damit sie nicht schal werden...bis wir sie irgendwann wieder gemeinsam ausleben können!

Auf ein schwarzgelbes 2022, auf uns!

02. Januar 2022, Nina Tillmann

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