Spielbericht Profis

Die Besten vom Rest

05.12.2021, 23:30 Uhr von:  Nicolai
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Die Besten vom Rest

Immer wieder im Winter treffen Bayern und der BVB samstags um 18:30 Uhr aufeinander. Der BVB versucht die Meisterschaft spannend zu gestalten aber vor allem das eigene Unvermögen verhindert das.

Samstag, Winter, 18:30 Uhr – Zeit für Dortmund gegen Bayern. Es gibt Dinge, die haben sich verändert, aber diese Rahmenparameter bei der Ansetzung der DFL halten allen Turbulenzen stand. In der sportlichen Konstellation reiste der Abo-Meister und Tabellenführer zum Halbkonkurrenten, der hin und wieder mal etwas Spannung zumindest zeitweise in die Meisterschaft bringen kann.

Im Gepäck hatten die Bayern eine denkwürdige Jahreshauptversammlung, die das Scheinwerferlicht auf das Demokratieverständnis der demuterfüllten Fußballbranche gelenkt hatte. Dazu kamen sportlich eher bescheidene Ergebnisse in den vergangenen Wochen, zu denen eventuell auch die Diskussionen um Prof. Dr. Joshua Kimmich beigetragen hatten. Sicher aber die Ausfälle einer Reihe von Spielern auf Grund der aktuellen Richtlinien.

"Was hat der Fußball falsch gemacht?"


Christian Seifert, moderner Philosoph

Der BVB konnte in der Vorbereitung auf Reyna und Guerreiro zurückgreifen und auch Haaland schaffte es in die Startelf. Sportlich hatte man sich auf einen Punkt an den Spitzenreiter herangewurschtelt. Das man aber parallel in einer mehr als machbaren Gruppe in Europa untergegangen war, ist dann auch ein Fingerzeig auf die Qualität des deutschen Fußballs und des "Klassikers".

Auf dem Bild ist ein Ausschnitt der Südtribüne zu sehen. Die Menschen stehen dicht gedrängt und viele Fahnen wehen im Wind.
Eine volle und farbenfrohe Südtribüne fehlt

Wer sicher fehlen sollte waren 68000 Fans von Bayern und Borussia. Die neue Verordnung erlaubte nur 15000 Zuschauer im Westfalenstadion, was bedeutete, dass die Oberränge geschlossen blieben. Durch die dunkle Jahreszeit und das Flutlicht fiel das optisch im Stadion selbst gar nicht so auf aber im Verlaufe des Spiels kam einige mal Wehmut auf nach dem Motto: „Wenn jetzt 83000 Zuschauer hier wären…“. Einen organisierten Support gab es somit auch auf keiner der beiden Seiten.

Der Spannung des Spiels tat das aber keinen Abbruch. Insbesondere dank zweier schwacher Innenverteidiger (Hummels und Upamecano) wurde die fehlende spielerische Klasse beider Teams durch individuelles Unvermögen ausgeglichen. Schon nach wenigen Minute war klar, dass Upamecano mit Haaland maßlos überfordert ist (3. Minute). Dies lies den einen oder anderen Fußballfreund in schwarzgelb wirklich hoffen. Zwei Minuten später machte es dann der BVB noch effektiver: Jude Bellingham flankte wunderbar und Julian Brandt zeigte, dass er nach vorne so viel Qualität hat, wie sie ihm im Zweikampfverhalten fehlt.

Währenddessen machten sich viele BVB Fans einen Spaß daraus auf Lewandowski Ballkontakte mit „Messi, Messi“-Rufen zu reagieren. Kann man machen, ist dann aber irgendwie auch nicht viel stilvoller als die Aufregung um irgendeine blöde Auszeichnung eines völlig verkommenen Sportverbandes. Im Idealfall ist Fußball ein wunderschöner Mannschaftssport.

Haaland und Belling klatschen ab bei einer Auswechselung
Jude Bellingham und Erling Haaland

Sportlich befreiten sich die Bayern sukzessive nach dem Rückstand und begannen immer druckvoller zu agieren. Den meisten Borussen schwante auf der Tribüne da schon böses und in der 9. Minute war es dann auch so weit. Das Tor geht auf die Kappe von Kaiser Hummels – ein weiteres Rückholprojekt, das nicht günstig war und nach zwei Jahren nicht wirklich jeden überzeugen kann.

Danach entwickelte sich glücklicherweise ein offenes Spiel, dass eher von seiner Aufregung als der Qualität lebte. Dazwischen immer wieder krasse Fehler wie der Fehlpass von Emre Can (23. Minute), bei denen man sich fragt, was die Herren denn so beruflich unter der Woche treiben (Hummels, 26. Minute). Dabei hatte der BVB immer wieder gute Chancen, auch die erneute Führung zu machen. Selten hat man solch schwache Bayern in der Rückwärtsbewegung gesehen. Es kam wie es kommen musste und kurz vor dem Pausenpfiff das zwei zu eins durch Coman. Nach einer Billiardeinlage im Dortmunder Strafraum, kam der Franzose frei zum Abschluss und ließ sich nicht zweimal bitten.

Aus der Halbzeit startete der BVB wieder stark. Unter Mithilfe von Upamecano und wieder einmal der Übersicht von Bellingham kam Haaland frei zum Schuss und schlenzte den Ball rein. Das war schon geiler Fußball und Mannschaftssport hin oder her, Bellingham ist ein Wahnsinnskicker und scheinbar auch ein richtig guter Typ. Nach allem was man hört, eine echte Wohltat und Ausnahme in der abgedrehten Profifußballerblase.

Leon Goretzka im FC Bayern Trikot führt den Ball
Leon Goretzka

Was folgte war die 53. Minute und aus Blickwinkel Südtribüne in Realgeschwindigkeit war das ein Elfmeter. Reus war schnell und vor Hernandez und eben dieser bewegt sich vor allem in den Spieler rein und nicht zum Ball. Aber Zwayer bleibt eine Pfeife und der völlig vermurkste VAR griff glücklicherweise nicht ein. Zu allem weiteren, hat Jude Bellingham die passenden Worte gefunden. Der BVB drückte dennoch weiter auf den Führungstreffer. In der 58. Minute konnte man dann bei der Vorbereitung auf einen Eckball Leon Goretzka beobachten, wie er sich jeden seiner Verteidigerkollegen schnappte und ein paar deutliche Worte fand.

Bei aller sportlichen Rivalität - und einer wirklich katastrophalen Vereinsauswahl - muss man anerkennen; das ist wohl auch einer der besseren Typen, der neben dem Sport weiter denkt als bis zum eigenen Sportwagen. Mehr davon kann der Fußball gebrauchen. Auf jeden Fall waren die Bayern danach wieder etwas souveräner, das Spiel ausgeglichener und so musste der VAR in der 74. Minute das Spiel entscheiden. Es folgte ein Elfmeter (nach Handspiel Hummels), den Lewandowski letztendlich zum Siegtreffer nutzt. Die Diskussionen um diese Entscheidung auch in Bezug auf vorhergegangene Aktionen führen viele Argumente der VAR-Befürworter ad absurdum. Durch die Verletzungen von Julian Brandt und Hernandez gab es zwar rund 10 Minuten Verlängerung aber trotz einer Bayernabwehr, die man selten so schwimmen gesehen hatte, reichte es einfach nicht zum Ausgleich.

Spruchband auf der Südtribüne "VAR abschaffen"
VAR abschaffen - Grundforderung vieler aktiver Fans

Was bleibt nach diesem Spiel, ist wieder einmal die Bestätigungen, dass der VAR weder dem Spiel noch der Gerechtigkeit etwas bringt. Das Schiedsrichterwesen ist genauso wie der Gesamtverband DFB in einem desaströsen Zustand und vermutlich sind die Strukturen dermaßen kaputt, dass da nichts mehr zu heilen ist. Die Causa Zwayer ist da nur stellvertretend.

Sportlich kann man nun fast schon wieder in den Modus der Meisterschaft „der Beste vom Rest“ übergehen. Sollen die Bayern halt ihre 10. Meisterschaft einheimsen, der Fußballblase wird das mittelfristig eher Schaden als helfen und ab 2024 kommt sowieso die Champions-League-Reform, die zur Super League eigentlich nur noch kosmetische Unterschiede aufweist. Irgendwie kann diese Branche trostlos sein.

Bis dahin haben wir hoffentlich noch viel Spaß an Bellingham und Haaland, denn das Spiel selbst birgt immer noch eine Faszination, der man sich wohl nie komplett entziehen kann.

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