Report

Zehn Jahre gegen das Vergessen-Eine einzigartige Gedenkstättenfahrt des BVB

19.08.2021, 06:31 Uhr von:  DocKay
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Das Eingangsgebäude von Auschwitz-Birkenau mit Blick auf die Bahngleise an der Rampe

Seit dem Jahr 2011 bietet Borussia Dortmund Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz und Lublin an. Die diesjährige Fahrt nach Auschwitz zeichnete sich durch viele Besonderheiten aus.

Das Erleben vor Ort ist ein wichtiger Bestandteil der Teilnehmer in der Auseinandersetzung mit der Geschichte und gleichzeitig ein Auftrag gegen das Vergessen von Opfern und Tätern des Naziregimes. In unserer letzten Reportage habe wir uns sehr ausführlich mit der Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz beschäftigt. Im vergangenen Jahr fielen aufgrund der Pandemie die Studienfahrten leider aus. In diesem Jahr wollte man von Seiten des BVB wenigstens die Reise zum 10-jährigen Jubiläum durchführen und diese Fahrt sollte sich zu einem ganz besonderen Erlebnis entwickeln.

Blick auf den Eingang der Internationalen Jugendbegegnungsstätte
Die Internationale Jugendbegegnungsstätte (IJBS)

Wie die Jahre zuvor, waren die Teilnehmer in der IJBS (Internationale Jugend Begegnungsstätte) am Ufer des Flusses Sola untergebracht. Die IJBS ist mit ihrer Lage zwischen der Stadt Oświęcim und dem ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz ein Ort der Völkerverständigung mit dem Ziel, Barrieren zu überwinden und Vorurteile abzubauen. Sie entstand 1986 aus einer Initiative der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Berlin mit der Unterstützung der Stadt Oświęcim, dank der Einsatzbereitschaft vieler Menschen und Institutionen aus Deutschland und Polen, die an dem Prozess der deutsch-polnischen Versöhnung und des christlich-jüdischen Dialogs beteiligt waren.

Man sieht den Marktplatz der Stadt Oświęcim mit seinen historischen Gebäuden
Der Marktplatz von Oświęcim

Nach der Ankunft galt es zunächst der Stadt Oświęcim einen Besuch abzustatten. Man unterscheidet vor Ort zu Recht die Stadt mit polnischem Namen von dem Konzentrationslager Auschwitz. Sie ist Gegenwart und die Gedenkstätte ein Teil der Geschichte. Entsprechend gibt es in der Stadt nur einige sichtbare Zeichen der Vergangenheit. Im Stadtzentrum erinnert ein Denkmal in der Judengasse an die ehemalige Synagoge und ein benachbartes Museum an die Opfer der Sinti und Roma. Historische Gebäude um den Marktplatz erscheinen im alten Glanz und lassen den ehemaligen Adolf-Hitler-Platz vergessen. Nur Insider wissen mit der Erinnerung an Jakob Haberfeld und seiner Wodka- und Likörfabrik etwas anzufangen. Die blendende Sonne versucht auch die Geschichte etwas auszublenden.

Das Bild zeigt eine Kinderzeichnung mit Zug und einem Bahngleis
Kinderzeichnung unter dem Eindruck des Konzentrationslagers

Eine Überraschung kündigte sich an. Dies bedeutete, dass am folgenden Tag sowohl das Stammlager als auch Auschwitz-Birkenau besucht wurde. Für die Teilnehmer, die das erste Mal dabei waren, galt es, viele optische Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten. Kaum vorstellbar, dass es hier Hochzeiten gab, aber auch Schwangerschaften zu Geburten führten. Das Kinderlager war genauso beeindruckend wie die Zeichnungen der Kinder, die der tödlichen Selektion auf der Rampe entkommen konnten.

Interessant war auch die Sonderausstellung „Sport im Konzentrations-lager Auschwitz“. So galt Sport bei den Tätern als Mittel, die Häftlinge auf absurde Art und Weise zu bestrafen. Auf der anderen Seite hatte die sportliche Belastung aber auch Wettkampfcharakter. Gerne schaute man sich Boxkämpfe unter Häftlingen an und organisierte unter anderem auch Fußballspiele zwischen einzelnen Lagerkomplexen. Viele der sportlich engagierten Häftlinge sahen so eine Chance, so der Gaskammer zu entkommen. Leider blieb es oft bei diesem Wunsch.

Auf einer Zeichnung dargestellt: Häftlinge müssen in der Hocke als Strafe verharren
"Sport" als Form der Strafe

Wie bei allen Gedenkstättenfahrten stand auch der Lagerkomplex Auschwitz III-Monowitz auf dem Besuchsprogramm. In Nachbarschaft des heutigen Monowice lagen die Reste des IG Farben Komplexes. Sie beherbergen heute noch ein polnisches, weitgehend unbekanntes Chemiewerk. In der Zeit der Naziherrschaft wurde hier das Zyklon-B produziert, das sich gegenüber der Vergasung mit Kohlenmonoxid als „effektiver“ erwies. Eine Methode die vorwiegend bei der Massenvernichtung im Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau zur Anwendung kam. An diesem Ort sollten insgesamt 11.000 Häftlinge, darunter 90% Juden, den Traum einer nationalistischen Alleinherrschaft mit verwirklichen. Viele von Ihnen mussten dafür mit ihrem Leben bezahlen. Die ehemaligen Bewohner von Monowice bzw. ihre Kinder und Familien waren an den Ort zurückgekehrt, aus dem man sie vertrieben hatte und hatten sich zum Teil aus den Ziegelsteinen ihre zerstörten Häuser wieder aufgebaut. Einzelne Stehbunker für die Wachmannschaft erinnerten an den 2. Weltkrieg.

Ein Schild mit einem Totenkopf gebietet Halt vor dem Verlassen des umzäunten Geländes
Halt dem Antisemitismus

Hass verändert die Menschen, die hassen


Maximilian Kolbe

Am folgenden Tag erhielten wir dann Besuch von Eva Szepesi, die von ihrer Tochter Anita begleitet wurde. Ich kannte Eva von einer Veranstaltung am 5.4.2019 im Westfalenstadion. Damals fand ein Zeitzeuginnen Gespräch mit Eva Szepesi statt. Als ungarische Jüdin überlebte sie den Holocaust und Auschwitz und gehörte zu den „child survivors“, das heißt zu den nur 400 Personen, die als Kinder die Haft in den Konzentrationslagern überstanden. Nur zur Erinnerung, im Holocaust wurden zwischen 5,5 und 6,3 Millionen Juden ermordet. Die genaue Zahl lässt sich aufgrund der Quellenlage nicht ermitteln.

Ich kann das nie vergessen, aber hassen kann ich deswegen nicht


Eva Szepesi

Schon damals bekam ich Gänsehaut. Jetzt begleitete uns tatsächlich ein Zeitzeugin noch einmal beim Besuch des Stammlagers und des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Es waren besondere Momente, die man nie vergessen wird. An den einzelnen Stationen hielten wir gemeinsam inne und lauschten den Worten von Eva und den Ergänzungen ihrer Tochter. Unser Historiker Andreas Kahrs, der uns wie immer zur Seite stand, erweiterte den historischen Hintergrund. An der alten Rampe gedachten wir den ermordeten Familienmitgliedern. Es waren einzigartige Momente, die wir alle erleben durften.

Vor einem Wagon stehen Lichter der Erinnerung und ein beschrifteter Stein zum Gedenken an die Ermordeten
In Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Einige Besichtigungen waren auch für Eva neu, vor allen Dingen solche, die sich außerhalb des eigentliche Lagerkomplexes befanden und zum Alltagsleben der Täter gehörten. Es war schon sehr bemerkenswert, wie Eva Szepesi mit der Vergangenheit umging. Eine Zeitzeugin, vor der man allerhöchsten Respekt haben muss. Am Ende des Besuches trugen sich Eva Szepesi und Daniel Lörcher noch in das Gästebuch des Museums Auschwitz ein.

Am Abend galt es dann, in freundschaftlicher Atmosphäre das Jubiläum in der Internationalen Jugend Begegnungsstätte gemeinsam zu feiern. Für den festlichen Rahmen sorgte das Team des Generaldirektors Leszek Szuster. Leszek, immer mit einem Hang zum Humor, bot uns einen ebenso unvergesslichen Abend und konnte auch die Niederlage am „Kicker“ mit Hinweis auf die Gastfreundschaft gut verkraften. Eva mit ihrer Tochter fühlten sich sichtlich wohl in der neuen Umgebung. Für uns war dies von sehr großer Bedeutung, waren wir doch die erste nicht-jüdische Gruppe, mit der Eva das Konzentrations- und Vernichtungslager besuchte.

Eva Szepesi sitzt mit ihrer Tochter und den Verantwortlichen der IJBS gemeinsam mit Daniel und Andy in einer Gesprächsrunde
Eva Szepesi und ihre Tochter im Gespräch mit Leszek Szuster und den Verantwortlichen des BVB

Viele persönliche Gespräche und Vorträge rundeten diese Gedenkstättenfahrt ab. In Erinnerung bleibt ein sehr eindrucksvoller Vortrag über die Formen des Antisemitismus, aber auch die Rede von Anita in Anwesenheit des Leiters des Bundespräsidialamtes, Stephan Steinlein. In Erinnerung bleibt natürlich auch Eva Szepesi, mit der wir gemeinsam den 90-jährigen Geburtstag im Westfalenstadion feiern möchten. Schockiert war ich von den Aussagen von Anita in einem persönlichen Gespräch. Sie schilderte mir, wie krass ihre Kinder in Kindergarten und Schule mit dem Antisemitismus konfrontiert wurden und werden. Polizeieinsatz auf dem Weg zur Schule und Schimpfworte wie „Jude“ in den sozialen Netzwerken sind nur einige von wenigen Beispielen, die zeigen, dass wir es mit einem erneut wachsenden Problem zu tun haben.

Das Graffiti zeigt Johannes Paul II. und den Aufruf sich gegen Antisemitismus einzusetzen
Graffiti im Zentrum der Stadt Oświęcim

Wenn man überlegt, dass wir auf einen Massenmord von ungefähr 1,1 Millionen Opfern in den Konzentrationslagern und Vernichtungslagern von Auschwitz zurückblicken, so stimmt dies sehr nachdenklich. Für mich bedeutet die Teilnahme an der Reise einen Auftrag, diesem erneuten aufkeimendem Wahnsinn entgegenzusteuern. Die Zeitzeugen werden immer weniger; jetzt liegt es an uns, diesen düsteren Teil unserer Geschichte weiterzutragen. Wir müssen das gedankliche Erbe von Eva und allen Opfern des Naziregimes bewahren. Die Gedenkstättenfahrten weiter zu veranstalten sind ein Muss. Der BVB und sein Sponsor bekennen sich zu ihrer Geschichte und handeln beispielhaft. Man kann dies nicht von allen im Fußballgeschäft Beteiligten behaupten. Die Beispiele liegen in direkter Nachbarschaft zum Ruhrgebiet. So möchte ich mich für die Teilnahme bei allen Verantwortlichen des BVB recht herzlich bedanken und hoffe Eva Szepesi am 29. September 2022 in Dortmund wiederzusehen.

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