Im Gespräch mit...

"Ein Unioner steigt nicht ab, der wechselt nur die Liga"

19.09.2021, 09:36 Uhr von:  Lisa R
Lesezeit: ca. 9 Minuten
Chris Lopatta steht auf der Union Berlin Tribüne und hat sein Gesicht mit einem FCU Tuch bis auf die Augen vermummt.

Chris Lopatta über seinen Weg zum „Eisernen Urgestein“, den sportlichen Aufstieg des FCU und über Schwächen und Stärken von Union Berlin und Borussia Dortmund.

Beschäftigt man sich mit dem Umfeld und den Fans des FC Union Berlin, kommt man um einen nicht drum rum: Chris Lopatta. Seines Zeichens Schauspieler im TV (u.a. Polizeiruf 110, In aller Freundschaft) und im Theater (u.a. EISERN UNION – das Stück zum Spiel), aber auch Präsident des FCU Fanclubs „Die Schärfsten“ und Guide bei Stadionführungen in der alten Försterei. Unsere Autorin hat im Vorfeld der Partie BVB – FC Union Berlin mit Chris Lopatta über seinen Weg zum „Eisernen Urgestein“, den sportlichen Aufstieg des FCU und über Schwächen und Stärken beider Mannschaften gesprochen.

Schwatzgelb.de: Seit wann bist du Unioner und wieso Union und nicht die Hertha?

Lopatta: Seit 1977 und daher müsste die Frage eher lauten „ … und nicht der Polizei- und Stasi-Sportverein?“ Da ich keinen Vater hatte, der mich mit zum Fußball geschleppt hat, musste ich als 13-jähriger allein und objektiv vergleichen. Die Wahl viel eindeutig auf Union - coolere Leute, bessere Stimmung, schöneres Stadion, Arbeiterverein.

Schwatzgelb.de: Welches war das erste Spiel der Einsernen, das du besucht hast?

Lopatta: Union gegen Hansa Rostock 2:0 am 16. April 1977, 22. Spieltag der DDR-Oberliga, 18 000 Zuschauer, ausverkaufte Alte Försterei. Zwei wichtige Punkte im Abstiegskampf! Aber eigentlich war ich schon zwei Wochen vorher bei Union gegen Dynamo Dresden 2:2. Ebenfalls ausverkauft. Ich hatte keine Karte und bin nicht reingekommen. Damals konnte man aber noch von außerhalb des Stadions über die niedrige Hintertor-Tribüne auf die Gegengerade kieken. Das rot-weiße Schal- und Fahnenmeer im strömenden Regen hat mich soo beeindruckt - da hat mich der Union-Virus gepackt.

Schwatzgelb.de: Meine persönliche erste wirkliche Begegnung mit Union Berlin war das Pokal-Drama 2016 in Dortmund. Erinnerst du dich an das Spiel? Wo und wie hast du es damals verfolgt?!

Lopatta: Natürlich in Dortmund in der roten Wand. 12 000 Unioner ließen die gelbe Wand unter dem Motto „Jede Wand ist bezwingbar“ beinahe verstummen. Außer beim Elfmeterschießen - eure Pfeifferei wa schon schön laut. Hat ja auch genutzt - alle Unioner verschossen. Ein klareres Ergebnis als 3:0 beim Elfmeterschießen gibt's ja nich.

Schwatzgelb.de: Zwei Jahre später dann das erneute Aufeinandertreffen im Pokal. Warst du da auch wieder vor Ort?

Lopatta: Ja, das war aber wirklich ähnlich dramatisch - 3:2 in der Verlängerung. Das dritte BVB-Tor - Elfmeter in der 120. Minute. Unjünstig. Da waren wir aber nur noch 8 000 Unioner mitten in der Woche.

Schwatzgelb.de: 2019 dann der Aufstieg deiner Eisernen ins Fussballoberhaus. Wie war das für dich?

Lopatta: War ja nich so schlecht - is das höchste Lob eines Berliners. Aber im Ernst: Bilder und Videos vom Aufstieg anschauen. Die sagen alles.

Schwatzgelb.de: Du bist stolzer Besitzer einer Dauerkarte auf Lebenszeit. Wie kam es dazu?!

Lopatta: Union war mal wieder in finanzieller Not und bot für 2222 € eine lebenslange Stehplatz-Dauerkarte an - die EisernCard. Da ich zu diesem Zeitpunkt schon 20 Jahre zu Union gegangen bin und klar war, dass ich mein ganzes Leben lang zu diesem Verein gehen werde, habe ich zugeschlagen. Die beste Investition meines Lebens. Damals ein Risiko, denn wir wussten nicht, ob der Verein überleben wird.

Schwatzgelb.de: Als Schauspieler hat man sicher viele Termine, lässt sich das immer gut mit den Spielen von Union vereinbaren?

Lopatta: Als ich fest am Theater in Leipzig engagiert war, war es ein ewiger Kampf zu den Spielen zu können. Wenn Vorstellungen angesetzt waren, hatte man keine Chance. Aber bei Proben, die am Sonnabend waren, konnte man unter Umständen verhandeln. Ich habe sogar mal im KBB rumgebrüllt und Tür geknallt, weil mir die Kollegin nicht kooperativ genug erschien. (KBB - Künstlerische Betriebsbüro - die machen die Tages- und Probenpläne). Nur mein damaliger Intendant, Jürgen Zielinski, uralter BVB-Fan hatte wirklich Verständnis für mich. Wenn ich bei ihm Proben hatte, ging schon mal eher was.

Schwatzgelb.de: Du bist ja nicht nur Fan des FC Union, sondern bist auch als Guide bei Stadionführungen in der alten Försterei tätig. Wie waren die letzten Monate der Pandemie so für dich persönlich, aber auch für den Verein und die Fanszene?! Was hat diese Zeit verändert?

Lopatta: Boah, diese Frage ist zu komplex! Also nur ganz kurz - Stadionführungen gabs logischerweise keine. Unsere Mannschaft hat uns die furchtbare Zeit des Ausgeschlossen seins mit sportlichen Erfolgen erträglich gemacht. Zuerst hatte ich gar kein Bock auf Geisterspiele im Fernseher. Eigentlich boykottiere ich auch jegliches Pay-TV. Aber später waren diese Spiele, die ich immer bei einem Kumpel geguckt habe, der Höhepunkt der Woche. Es ist so schade, dass wir den ersten Klassenerhalt nicht in kollektiver Ekstase erleben durften. Genau wie die Qualifikation zum Europapokal. Beim Max Kruse Tor in der Nachspielzeit des letzten Saison-Punktspiels gegen RB konnten aber wenigstens 2000 Unioner im Stadion durchdrehen. Und gerade Kruse, der die Conference Leauge nicht kannte, Donnerstags keine Zeit hat und das andere machen lassen wollte, schießt uns da hin. Köstlich!

schwatzgelb.de: Jetzt aber mal zum sportlichen: Wie erlebst du als Fan den kontinuierlichen, sportlichen Aufstieg des FCU in den letzten Jahren?

Lopatta: Mit einem Schleudertrauma - vom Kopfschütteln. Alles immer noch unglaublich für mich. Als ich neulich mit über 22 000 Unionern im roten Berliner Olympiastadion (Europapokal) stand, musste ich kurz daran denken, wie ich 1990 ein Pflichtspiel an der Alten Försterei vor 300 Zuschauern erlebt habe.

Schwatzgelb.de: Hat man nicht auch Angst, dass der Verein irgendwann „über seine Verhältnisse“ lebt?

Lopatta: Ich habe da absolutes Vertrauen in unseren Präsidenten Dirk Zinlger. Juter Mann, ach wat, bester Mann! Wir kämpfen jedes Jahr um den Klassenerhalt. Wenn mehr rausspringt - jut. Wenn wir absteigen sollten - auch kein Beinbruch (in diesem Jahr, wäre mir die zweite Liga sogar fast lieber gewesen). Wie heißt es ganz richtig in dem Union-Theaterstück „Eisern Union - das Stück zum Spiel“, das seit 2006 ununterbrochen läuft (ok, pandemiebedingt, dann doch mal unterbrochen): „Ein Unioner steigt nicht ab, der wechselt nur die Liga“ oder wie das Phrasenschwein formuliert: „Liebe kennt keine Liga.“ Aber das kennt ihr Dortmunder ja nicht - immer nur 1. Liga. Puh, wie langweilig.

Schwatzgelb.de: Im letzten Spiel gegen Augsburg hat Union „nur“ einen Punkt holen können, was gilt es aus deiner Sicht nun gegen den BVB besser bzw anders zu machen?!

Lopatta: „Nur“ is jut. Letztes Jahr haben wir gegen die Puppenkiste zweimal verloren. Da is n Pünktchen schon n Erfolg. Ick war zufrieden und ey, das ist immer noch 1. Liga! Da ist jeder Punkt hart erkämpft, da sollte man sich freuen. Die Niederlage beim BVB ist bei mir eingepreist. Wenn doch was rausspringt, staune ick. Und frag mich nicht, was zum fußballerischen. Ick habe keene Ahnung vom Fußball, ick gehe zu Union.

Schwatzgelb.de: Komm, mal unter uns, wo liegen deiner Meinung nach die Stärken aber auch die Schwächen der Mannschaft des FC Union momentan?!

Lopatta: Siehe oben. Aber ganz wichtig ist sicher bei Union, wie in den Vorjahren der Teamgeist. Was erstaunlich ist, denn auch bei Union ist ein munteres Kommen und Gehen. Nicht wie in den Siebzigern, wo solche Leute wie Achim Sigusch, Karsten Heine, Lutz Hendel oder Wolfgang Matthies fast ihre ganze aktive Zeit bei Union verbracht haben. Aber das Problem kennt ihr ja auch.

Schwatzgelb.de: Und wie schätzt du die Stärken und Schwächen des BVB ein?

Lopatta: Keene Ahnung. Mein Intendant hat mich früher immer montags gefragt, ob ich denn dass BVB-Spiel gesehen hätte und, wie ich es fand… Meine Antwort war: „Union spielt zweite (oder gar dritte oder vierte) Liga - erste Liga interessiert mich nicht.“ Jetzt spielen wir zwar in der selben Liga, trotzdem beschäftige ich mich nicht so mit anderen Vereinen oder Spielern. Selbst die Perle Max Kruse war mir vorher nicht so ein Begriff. Den Namen hatte ich zwar schon mal gehört und dass er ne Menge Kohle im Taxi hat liegen lassen… Aber das so ein juter Mann bei uns anheuert, macht mich erst jetzt erstaunt, wo ich ihn erlebe.

Schwatzgelb.de: Was für ein Spiel erwartest du morgen?

Lopatta: Eine Niederlage. Hoffentlich keine Klatsche oder enge Kiste, wie wir Unioner sagen. Wir sind mal in Köln 0:7 untergegangen - dit war ne jaaanz enge Kiste.

Schwatzgelb.de: Wo siehst du Union Berlin in den kommenden Fußball Jahren?!

Lopatta: Hoffentlich als stabilen Erstligisten. Was Augsburg, Mainz und Freiburg geschafft haben, könnten wir auch schaffen. Durchaus auch mal mit einem Ausrutscher in die Zweite Liga. Aber aus der wieder hoch zu kommen, wird ja immer schwieriger.

Schwatzgelb.de: Wenn du dir irgendeinen Spieler dieser Welt aussuchen dürftest, wen würdest du für deinen FC Union Berlin verpflichten?!

Lopatta: N Kumpel von mir hat mal gesagt, wenn er richtig fett im Lotto gewinnen würde, würde er Messi koofen und ihn bei Union in die Küche stellen. (Aber so viel Geld kann man ja nicht mal im Lotto gewinnen!)

Schwatzgelb.de: Zum Abschluß noch die wichtigste Frage: Was tippst du für das Spiel morgen?!

Lopatta: Ick tippe nie. Wie gesagt, ich rechne mit ner Niederlage. Alles mit weniger als zwei Toren Unterschied würde ick unterschreiben. N Punkt würde ick feiern.

Mit Verlaub, aber uns wäre es doch lieber, wenn Chris Lopatta am morgigen 19.09. eher weniger Grund zum feiern hätte.

Nach dem fulminanten 4:3 bei Bayer Leverkusen in der Liga und dem 2:1 Sieg in Istanbul unter der Woche, steht der BVB vor dem 5. Spieltag auf Platz drei der Tabelle, einen Punkt hinter Bayern und drei Zähler hinter Wolfsburg. Union Berlin ist Tabellen-Achter. Personell könnte es für Schulz und Hazard nach ihren Verletzungen nicht für einen Kaderplatz reichen. Dahoud hingehen könnte durch Rotation für Brandt, Bellingham oder Witsel spielen. Wer auch immer morgen auf dem Platz stehen wird, das Wichtigste ist doch, dass sie das Wappen von Borussia Dortmund (diesmal auch) sichtbar auf der Brust tragen.

Wir danken Chris Lopatta für dieses Interview.

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