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Alexander Heflik – Erwin Kostedde: Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler

10.06.2021, 18:01 Uhr von:  Michael
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Cover des Buchs mit einem Bild von Erwin Kostedde im Nationalmannschaftstrikot

Torschützenkönig in Belgien und Frankreich, Publikumsliebling in Offenbach, 98 Bundesligatore, dreifacher Nationalspieler – Erwin Kostedde kann auf eine stattliche Bilanz als Fußballprofi zurückblicken. Doch außerhalb des Platzes ging vieles schief: finanzielle Probleme, Alkoholsucht, ein unberechtigter Gefängnisaufenthalt, Suizidversuch, viele verpasste Chancen. Kosteddes Leben unterscheidet sich zunächst nicht von anderen, im Leben gescheiterten Fußballern der 70er und 80er Jahre. Gerd Müller, Norbert Nachtweih, Werner Lorant oder, exakt einen Tag jünger als Kostedde, George Best. Sie alle waren auf dem Platz unter den Besten ihres Fachs und kamen neben dem Platz nicht zurecht. Doch Kostedde hat zusätzlich zeit seines Lebens mit einem weiteren Feind zu kämpfen: Rassismus.

Alexander Heflik hat Kostedde über Jahre immer wieder getroffen und mit ihm zusammen Kosteddes Leben aufgearbeitet. Entstanden ist ein Portrait, das die einzelnen Stationen in Kosteddes Leben nachzeichnet und beschreibt, wie Kostedde trotz aller sportlichen Erfolge immer wieder an sich selbst scheitert und bis heute damit hadert. Kostedde spart dabei nicht mit Selbstkritik.

Wenn ich richtig ehrlich bin, war ich nie erwachsen. In meinem Kopf sind immer Fliegen gewesen.


Erwin Kostedde über sich selbst

Immer wieder verschwindet der talentierte Fußballer von der Bildfläche und gibt sich dem Alkohol hin. Klappt etwas nicht wie geplant, wirft es ihn aus der Bahn.

Seine besonderen Stärken entwickelt das Buch immer dann, wenn Kostedde über seine Rassismuserfahrungen spricht. Kostedde leidet von Beginn an unter dem Gefühl, stets ein Außenseiter zu sein. Als Kind wäscht er sich die Haut mit Kernseife, um eine hellere Haut zu bekommen. Er ist unsicher, hat das Gefühl mehr leisten zu müssen, als andere. In seiner Bundeswehrzeit ist der Spruch „Unter Hitler hätte es das nicht gegeben.“ an der Tagesordnung, rassistische Beleidigungen durch Fans kommen nahezu wöchentlich vor. Gleichzeitig verlangt Bundestrainer Helmut Schön von Kostedde, dass dieser öffentlich erklärt, dass es keinen Rassismus in Deutschland gibt. Auch beim BVB, wo Kostedde von 1976-78 spielt, wird er von den eigenen Fans rassistisch beleidigt. Am Ende setzt Trainer Rehhagel ihn nur noch auswärts ein.

Das Volk hat Erwin fertiggemacht.


Trainer Otto Rehhagel über die Anfeindungen der Dortmunder Fans gegen Kostedde


Heflik beschönigt keine der Eskapaden Kosteddes, spricht häufig von vertanen Chancen, bleibt dabei aber häufig oberflächlich und verzichtet auf weitere Nachfragen nach Kosteddes Verhalten. Dies ist mit Sicherheit auch der Rücksichtnahme auf Kostedde geschuldet, der nach den vielen Schicksalsschlägen und dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren immer noch mit dem Verlauf seines Lebens hadert.

Aber Hefliks Buch berührt. Weil es, ohne das Thema besonders herauszuheben, die Wirkung des Alltagsrassismus auf den Betroffenen klar macht. Es zeigt, ohne Kosteddes Verfehlungen auszusparen, wie Kostedde von den dauernden Anfeindungen tief getroffen wird und die Unsicherheit von ihm Besitz ergreift und innerlich zerreißt. Er ist kein Jimmy Hartwig, der sich bei rassistischen Gesängen vor die Kurve stellt und dirigiert. Er will doch einfach nur Fußball spielen.

Erwin Kostedde - Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler
Alexander Heflik
Werkstattverlag 2021
208 Seiten
Hardcover
ISBN: 9783730705735

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