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Meet a Jew

28.11.2020, 07:09 Uhr von:  DocKay
Lesezeit: ca. 7 Minuten
Meet a Jew
Veranstaltung des BVB-Lernzentrums im Westfalenstadion

Borussia verbindet Generationen, Männer und Frauen, alle Nationen! Wir stellen euch ein neues Kooperationsprojekt des BVB-Lernzentrums vor.

Seit Jahren engagiert sich der BVB gegen Antisemitismus. Gedenkstättenfahrten nach Lublin und Auschwitz bieten unter anderem den Fans die Möglichkeit, ihren persönlichen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten. In der Nacht vom 9. auf den 10. November jährte sich nach 82 Jahren die Reichspogromnacht. Organisierte Schlägertrupps setzten jüdische Geschäfte und Synagogen in Brand. Tausende von Juden wurden misshandelt, verhaftet und getötet. Antisemitismus und Rassismus wurden bis hin zum Mord staatsoffiziell. Die Nacht bildete den Beginn für den größten Völkermord in Europa.

© BVB-Lernzentrum

Heute muss man mit Entsetzen feststellen, dass der Antisemitismus immer noch eine gefährliche Strömung innerhalb unserer Gesellschaft ist. Die Zahl der Angriffe auf Juden nimmt weltweit zu. Das Attentat auf die Synagoge in Halle am 9.10.2019, bei dem zwei Menschen ermordet wurden, ist uns allen noch in Erinnerung und nur die Spitze eines Eisberges. Die Melde-und Informationsstelle gegen Antisemitismus (RIAS) meldete allein für 2019 mehr als 1200 antisemitische Vorfälle in Deutschland und registriert dies mit Besorgnis. Der Antisemitismus spielt sich immer mehr im täglichen Leben ab, jüdische Menschen werden oft direkt in ihrem privaten Umfeld attackiert. Auch im Fußball ist regelmäßig Antisemitismus zu beobachten. Jüdische Makkabi-Vereine sind bei ihren Spielen mit offener Feindschaft konfrontiert. Daneben gibt es aber auch subtilere Formen des Antisemitismus, die nicht immer direkt als solche erkannt werden. Im Rahmen der Fußballkulturtage NRW wird Micha Neumann, so Corona es will, am 28. Januar 2021 um 19 Uhr im Deutschen Fußball Museum darüber berichten. Der Eintritt für den Vortrag „Antisemitismus im Fußball“ ist frei, eine vorherige Anmeldung aber erforderlich.

Seit diesem Jahr gibt es ein neues Begegnungsprojekt „Meet a Jew“ (Treffe eine Jüdin bzw. einen Juden), das aus den Projekten „Rent a Jew“ und Likrat-Jugend & Dialog hervorgegangen ist. „Meet a Jew“ ist ein Projekt des Zentralrats der Juden und wird gefördert durch das "Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Auch das BVB-Lernzentrum tritt hier als Kooperationspartner auf. Der Kontakt entstand unter anderem durch die Verbindung zu verschiedenen politischen Bildungsorganisationen. Johannes Boeing, der Leiter vom BVB-Lernzentrum, bekam den Hinweis durch den Vorstandsvorsitzenden des Vereins „Lernort Stadion“, Birger Schmidt. Beide waren sofort von der Idee begeistert. Wir wollen euch dieses interessante Projekt etwas näher bringen.

Das Projekt richtet sich klassisch an Schulen und Bildungseinrichtungen. In den Jahren 2020-2022 liegt der Fokus auf Universitäten und Sportvereinen. Ziel ist es Kinder und Jugendliche zu erreichen, bevor sie erstmalig mit Antisemitismus in Kontakt geraten. Die Idee hinter „Meet A Jew“ ist auch, das aktuelle jüdische Leben durch in Deutschland lebende jüdische Menschen kennen zu lernen. 300 Projektteilnehmer*innen glauben, dass das persönliche Gespräch wichtiger als Bücherlesen ist und dass es viel mehr Themen gibt, über die man miteinander sprechen kann als Antisemitismus, die Shoa oder den Nahostkonflikt. Alexandra, eine Projektteilnehmerin, beschreibt ihre Motivation mit folgenden Worten:

Dass wir endlich anfangen, uns auf das zu konzentrieren, was uns vereint, anstatt fieberhaft nach dem zu suchen, was uns unterscheidet.

Was wissen wir eigentlich über das Judentum? Oder besser gesagt, was wissen wir eigentlich nicht? Oft beschränkt sich unser Wissen einzig und allein auf die Geschichte und auch heute noch findet jüdisches Leben fast ausschließlich in der Berichterstattung über Antisemitismus statt. Das ehrenamtliche Engagement der jungen und erwachsenen Jüdinnen und Juden soll Einblick in die Vielfalt jüdischen Lebens geben. Auch der Slogan „Nice to meet jew!“ ist in diesem Zusammenhang mehr als passend. Auch in Dortmund ist man schon in den Genuss dieses bemerkenswerten Projektes gekommen. Am 13.11. 2020 berichtete das ARD-Morgenmagazin über den Besuch in einer Dortmunder Realschule. Organisiert wurde diese Veranstaltung vom BVB Lernzentrum und sie sollte eigentlich im BVB-Lernzentrum/am „Lernort Stadion“ in Räumlichkeiten des Westfalenstadions stattfinden. Aufgrund des aktuellen Verbotes Präsenzveranstaltungen durchzuführen, entschloss man sich direkt, zu den Schülern zu gehen. Wer die Sendung gesehen hat, konnte erkennen, dass nach einigem Abtasten problemlos Vorurteile thematisiert wurden. Es ging auch um Traditionen und Glaubensbräuche. Den Schülern der 9. Klasse wurden die hebräische Sprache und das Lichterfest näher gebracht. Viele der Kinder hatten noch nie mit einer Jüdin oder einem Juden gesprochen. Alex Bondarenko und Lisa Tabachnikov waren schließlich mit zwei Schulstunden Aufklärung zufrieden. Den Schüler*innen konnte man das aktuelle jüdische Leben in Deutschland näher bringen. Man konnte ihnen etwas Unwissenheit nehmen und gleichzeitig klarmachen, dass der jüdische Mensch nicht allein auf das Judentum reduziert werden darf.

Am "Lernort Stadion"
© BVB-Lernzentrum

Nachdenklich stimmte die Mitteilung einer Schülerin, dass auf dem Pausenhof „du Jude“ als Schimpfwort benutzt wird. Diese Tatsache zeigt aber auch, dass der Stachel des Antisemitismus noch tiefer in unserer Gesellschaft steckt, als mancher denkt. Um diesen Stachel zu beseitigen, ist das Projekt „Meet a Jew“ ein kleiner, aber umso bemerkenswerterer Schritt. „Weitere Veranstaltungen dieser Art sollen folgen“, teilte mir Johannes Boeing mit. Kooperationspartnerin für die direkte Absprache der Workshops ist seit diesem Jahr Mascha Schmerling. Ziel ist es auch, die Schüler nach Corona direkt zu Veranstaltungen des Lernzentrums ins Stadion einzuladen. Das regelmäßige „Rudelgucken“ würde dann auch zur Aufrechterhaltung der Kontakte dienen. Wenn ihr euch für dieses Projekt interessiert oder eine Begegnung z.B. für euren Sportverein anfragen möchtet, so erhaltet ihr mehr Informationen auf der Internetseite meetajew.de. Hier könnt ihr das entsprechende Formular für die Anfrage ausfüllen und absenden. Viel einfacher ist es allerdings, direkt mit dem BVB-Lernzentrum Kontakt aufzunehmen. Die Verantwortlichen organisieren dann mit euch diese Veranstaltung und freuen sich schon jetzt auf euer Interesse. Auch eine Online-Version von „Meet a Jew“ ist möglich.

Ein Workshop im BVB-Lernzentrum.
© BVB-Lernzentrum

Wir von schwatzgelb.de können euch dieses Projekt nur empfehlen, denn Jüdinnen und Juden sind Arbeitskollegen, Mitschülerinnen und Nachbarn. Sie stehen auch mit uns auf der Südtribüne und haben ein schwarzgelbes Herz. Vielleicht gelingt es uns ja, in Zukunft noch bewusster miteinander ins Gespräch zu kommen. So wie es auf der Website geschrieben steht:

Lassen Sie uns miteinander, statt übereinander reden!

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