Es fühlt sich fast schon wie eine Tradition an: Borussia Dortmund fährt in der ersten Runde des DFB-Pokals mal wieder nach Hamburg. Nur heißt der Gegner hier eher selten HSV oder St. Pauli. Am 1. September trifft der BVB im Volksparkstadion erneut auf einen kleineren Verein. Diesmal geht es gegen den Hamburg-Eimsbütteler Ballspiel-Club, kurz HEBC. Um 20:45 Uhr wird die Partie von Schiedsrichter Tom Bauer angepfiffen.
Heißt: Es darf wieder geträumt werden. Der HEBC hat sich über den Sieg im Hamburger Landespokal für den DFB-Pokal qualifiziert. Sportlich liegen zwischen dem Oberligisten und Borussia Dortmund allerdings gefühlte Welten. In der Oberliga hat der HEBC bislang zwei Siege und drei Niederlagen eingefahren. Der BVB kommt dagegen mit einer Niederlage im Supercup und mit einem Sieg aus dem Bundesligaauftakt nach Hamburg.
Dass die Vorzeichen kaum unterschiedlicher sein könnten, wissen auch die Verantwortlichen beim HEBC. Entsprechend ist in Hamburg immer wieder ein Satz zu hören: „Das ist das größte Spiel in unserer Vereinsgeschichte.“ Und genau darin liegt der Reiz des DFB-Pokals: Für den einen ist es eine Pflichtaufgabe, für den anderen der vielleicht größte Abend, den der eigene Verein jemals erlebt hat.
David gegen Goliath im Volkspark
Entsprechend unrealistisch scheint es, dass der BVB gegen den Underdog die Segel streicht. Zuletzt schied Borussia Dortmund 2005 in der ersten Runde des Pokals aus. Damals hieß der Gegner Eintracht Braunschweig. Grund genug also, sich als schwarz-gelber Anhänger auf den Dienstagabend zu freuen. Rund 15.000 Fans von Borussia Dortmund nehmen die Partie zum Anlass, nach Hamburg zu reisen. Insgesamt sollen bereits mehr als 41.000 Karten verkauft worden sein.
Eine Kulisse, die das Stadion des HEBC niemals hätte stemmen können. Der Professor-Rheinmüller-Platz zwischen dem Tierpark Hagenbeck und Hamburg-Altona-Nord fasst lediglich 2.500 Zuschauer. Deshalb wird für das Pokalspiel in den Volkspark ausgewichen. Ein Fußballabend auf großer Bühne – mit einer Atmosphäre, die sich der Oberligist vermutlich schon lange erträumt hat. Wer unter der Woche trotz der großen Kulisse nicht nach Hamburg reisen kann, muss die Partie im Free-TV bei RTL verfolgen. Alternativ überträgt auch der Pay-TV-Sender Sky das Duell.
Personelle Rotation im Kader
Rein sportlich lautet die größte Frage seit dem Wochenende: Wer kommt für den verletzten Giannis Konstantelias infrage? Im Topspiel gegen den HSV hatte sich Konstantelias das Knie verdreht. Am Sonntag wurde nach dem MRT klar, dass der Grieche monatelang ausfallen wird. Die Diagnose: Kreuzbandriss. Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel zeigte sich Trainer Niko Kovac entsprechend niedergeschlagen. Für ihn, die Mannschaft und die Fans war die Verletzung ein Schock. Giannis Konstantelias selbst gibt sich gefasst. Kovac verspricht:
Er wird wieder derselbe sein.
Bis dahin dauert es allerdings noch eine Weile. Zunächst steht die Operation an, danach folgt die Reha in Dortmund. Eine konkrete Prognose wäre deswegen laut Kovac bislang vermessen. Konstantelias könnte auf seiner Position am Pokalabend zunächst von Carney Chukwuemeka ersetzt werden. Ganz in die Karten schauen lassen möchte sich der BVB allerdings noch nicht. Außerdem müsse Chukwuemeka erst wieder vollständig fit werden. Auch den Spekulationen über eine Umsortierung von Fabio Silva schob Kovac einen Riegel vor:
Ich glaube schon, dass er weiter die Sturmpitze mit Guirassy bilden wird.
Klar ist: Der BVB sucht und braucht einen Ersatz für die vakante Position. Deshalb verzichten Sportdirektor Ole Book und Geschäftsführer Sport Lars Ricken auf den Pokalabend in Hamburg. Die Zeit auf dem Transfermarkt drängt. Die Spuren zu Nick Woltemade oder Jadon Sancho scheinen allerdings kalt zu sein. Das wird zumindest von mehreren Medien übereinstimmend berichtet. Eine schnelle und zugleich für das Budget passende Lösung ist gefragt. Während die Mannschaft also im Volkspark um den Einzug in die nächste Runde kämpft, läuft hinter den Kulissen die Suche nach Verstärkung weiter.
Der Favoritenrolle gerecht werden
Schauen wir auf die restliche Mannschaft des BVB vor dem Pokalspiel. Denn abgesehen von den bekannten Langzeitverletzten sind personell alle Spieler an Bord. Eine identische Aufstellung wie gegen den HSV wird es wohl nicht geben. Auf „einigen Positionen“ will der Trainer wechseln. Eine Überraschung hatte Niko Kovac auf der Pressekonferenz dann noch im Petto: Gregor Kobel wird im DFB-Pokal gegen Eimsbüttel nicht im Dortmunder Tor stehen. Ihn ersetzt stattdessen Alexander Meyer. Einen besonderen Grund wie eine Verletzung oder Ähnliches gibt es laut Kovac nicht. Die Entscheidung sei in Absprache mit dem Torwarttrainer getroffen worden und gelte ausschließlich für die Pokalpartie.
Vor eine besondere Herausforderung wird Borussia Dortmund allerdings durch den Eimsbütteler Gegner gestellt: Zu den Spielen des HEBC gibt es nur wenig Videomaterial. Die Gegneranalyse ist deshalb kürzer ausgefallen als bei vergangenen Gegnern. Zweimal habe man sie daher vor Ort beobachten lassen. Als Ausrede soll das allerdings nicht dienen. Der BVB weiß um seine Favoritenrolle – und Kovac will ihr gerecht werden:
Wir sind der Favorit und wollen in die nächste Runde einziehen.
Mehr gibt es für den BVB an diesem Abend eigentlich nicht zu holen. Alles andere als der Einzug in die nächste Runde wäre eine Schmach. Für den HEBC hingegen beginnt mit dem Anpfiff das Spiel, auf das der Verein seit der Auslosung wochenlang hingefiebert hat.
Doch sportliche Pflichtaufgabe hin oder her: Ein Thema bleibt vor dem Pokalspiel bestehen. Der Flaschenwurf von Samuele Inacio auf das BVB-Logo sorgt weiterhin für Diskussionen. Einige Fans halten die Aktion für unverzeihlich, auch TV-Experte Lothar Matthäus kritisierte den Vorfall. In den sozialen Medien wurde teilweise sogar der Abschied des 18-Jährigen gefordert. Auf der Pressekonferenz reagierte Niko Kovac auf die Diskussionen und den Shitstorm im Netz:
Wir müssen jetzt nicht irgendwas aufblasen, was nicht aufzublasen ist. Wir müssen lernen, dass wir denen kein Forum geben. Da breche ich meine Lanze für meinen jungen Mann. Wir sollten doch mal die positiven Sachen mitnehmen. Der Junge ist 18. Da ist nichts Großartiges passiert.
Die Rote Karte und der Flaschenwurf waren sicherlich nicht die besten Minuten von Inacio. Emotionen und Frust gehören aber zum Fußball – gerade bei einem jungen Spieler, der mit viel Einsatz und Leidenschaft auftritt. Forderungen, einen 18-Jährigen deshalb gleich vom Hof zu jagen, sind überzogen.
In diesem Sinne auf einen erfolgreichen Pokalabend.
Forza BVB!