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„Kagawa Shinji! BVB, BVB 09!“

Eine Lobeshymne auf den Publikumsliebling

Mit zwei Treffern wurde Shinji Kagawa gleich in seiner ersten BVB-Saison zum Derbyhelden
Mit zwei Treffern wurde Shinji Kagawa gleich in seiner ersten BVB-Saison zum Derbyhelden · Bild: Schwatzgelb.de

An einem Nachmittag im Spätherbst 2011 fuhr meine Mutter nach der Schule mit mir nach Dortmund-Brackel. Zum öffentlichen Training der Profis. Ich, damals 14 Jahre alt, hatte die erste Meistersaison meines Fanlebens am Netradio und ein paar wenige Male im Westfalenstadion verfolgt. Nach Brackel kam ich mit einer Mission: Ich wollte ein Foto und ein Autogramm von Shinji Kagawa ergattern – meinem absoluten Lieblingsspieler. Beides klappte, und noch am späten Abend lud ich das Foto, auf dem Shinji neben mir breit grinste, bei Facebook als Profilbild hoch.

Wie viele Likes es bekam, weiß ich nicht mehr. War auch egal. Von da an schmückte das Bild mein Profil. Vielleicht tut es das sogar bis heute – ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr reingeschaut. Das Trikot mit Shinjis Unterschrift, seinem Namen und der „23“ trug ich jede Woche im Sportunterricht in der Schule und beim Tennistraining – auch als der Flock schon abblätterte. Ob es zwischen den Sporteinheiten immer in der Wäsche war? Bestimmt nicht. Aber ohne ging es nicht.

Trikot mit Namen und Nummer von Shinji Kagawa
Das signierte Kagawa-Trikot hat einen Ehrenplatz im Kleiderschrank · Privat

Shinji Kagawa war (und ist) einfach ein geiler Kicker. Jemand, der fast immer Spaß auf dem Rasen hatte – und obendrein noch unverschämt sympathisch war. Am 11. Mai 2010 vermeldet der BVB, dass er den 21-jährigen Torschützenkönig der zweiten japanischen Liga von Cerezo Osaka verpflichtet. Michael Zorc traut dem „torgefährlichen Offensiv-Allrounder“ zu, „dass er als junges Talent den Durchbruch in der Bundesliga schafft“. Und was für einen Durchbruch Kagawa hinlegen sollte.

Gegen Qarabağ Ağdam, in den Play-Offs zur Europa League, erzielt er gleich mal zwei Tore. Am 3. Spieltag gegen Wolfsburg ein weiteres. Und dann folgt der 19. September 2010: 19.09. – wie soll es anders sein? Derby. Auswärts. Turnhalle. Kagawa lässt die Verteidiger der Blauen in der 20. Spielminute mit ein, zwei Finten am Ball völlig orientierungslos stehen, zieht aus 17 Metern ab. TOR! 38 Minuten später segelt eine Flanke von Kuba in den Strafraum, Kagawa springt gefühlt sieben Meter weit und drückt den Ball volley ins Tor. Erstes Derby, erstes Mal Derbyheld. Kann man so machen. Was für ein Typ.

Für immer Deutscher Meister

Shinji spielt sich in der Hinrunde in die Herzen vieler Borussinnen und Borussen, verpasst die Rückrunde leider mit einem Mittelfußbruch – und feiert im Mai 2011 doch die deutsche Meisterschaft. Im Jahr darauf folgt gleich die zweite: Kagawa schießt 13 Tore, bereitet 12 vor. Im Pokalfinale erzielt er das erste Tor nach Vorlage von Kuba – und leitet so den Pokalsieg ein. Beim Jubel dreht er sich direkt zu seinem Mitspieler um, dem er den Treffer verdankt.

Shinji Kagawa ist im Derby von hinten beim Jubel zu sehen
Kagawas Start beim BVB verlief fulminant. · Schwatzgelb.de

Aus dem Alter, in dem man sich so sehr mit einem einzelnen Spieler identifiziert, bin ich mit bald 30 raus. Und doch erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich die japanischen Flaggen im Westfalenstadion oder den Ohrwurm „Kagawa Shinji! BVB, BVB 09!“ vermisse. Sei es, wenn der BVB wie aktuell in Japan unterwegs ist (von solchen Reisen kann man halten, was man will). Oder wenn ich bei Instagram ein Video von Shinjis beiden Toren im Derby in die Timeline gespült bekomme. 

Doch entscheidender als mein eigenes Alter sind vielmehr die Umstände der heutigen Fußballwelt: Ganz gewiss romantisiere ich Shinji Kagawa auch deshalb so sehr, weil er (vor allem in seiner ersten Spielzeit beim BVB) so ganz und gar nicht in das Bild passte, das wir heute mit vielen Talenten verbinden, die in jungen Jahren zu absoluten Leistungsträgern ihrer Clubs aufsteigen: astronomische Transfersummen, Arroganz, Luxusschlitten, vergoldete Steaks. 

Andere Zeiten

Kagawa wirkte zumeist unprätentiös, einfach glücklich und zufrieden. Er spielte fair, kam ohne Star-Allüren aus, setzte sich für seine Mitspieler ein. Der sportliche Erfolg hat seinem Ansehen auch geholfen, keine Frage. Wenn ich mir heute wieder mehr solcher Spielertypen wünsche, ist das sicherlich naiv. Die vielen unsympathischen Talente, die man bei so vielen Vereinen spielen sieht, sind letztlich auch nur die Ausprägung eines Fußballgeschäfts, das sich immer schneller dreht und von den Fans entfremdet. 

Shinji Kagawa im Pokalfinale 2017 gegen Eintracht Frankfurt
Nach seiner Rückkehr zum BVB gewann Kagawa den DFB-Pokal, konnte aber nicht ganz an frühere Leistungen anküpfen. · Schwatzgelb.de

Zu Kagawas Geschichte gehört auch sein Wechsel zu Manchester United. Und ja, die Nachricht, dass ausgerechnet Shinji dem BVB den Rücken kehrt, hat damals ganz schön gesessen. Nach zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg will er will seinen Vertrag nicht verlängern und wechselt zu den „Red Devils“, ein Kindheitstraum für ihn. Kagawa gewinnt auch im englischen Norden einen Meistertitel. Doch unter Sir Alex Ferguson und besonders später unter David Moyes wird er nie wirklich glücklich. Und so kommt es zu Hochzeiten der Hashtag-Hysterie in den sozialen Medien zu der Aktion #freeshinji. Like, wer’s noch kennt …

Kagawa ist wieder in Dortmund, ich bin happy. Der Wechsel ins Ausland ist dann doch deutlich leichter zu verzeihen als zu den Bayern. Sportlich und emotional läuft es trotz des Pokalsiegs 2017 bei weitem nicht so perfekt wie noch Anfang der 2010er-Jahre. Dass diese Rückholaktionen in den meisten Fällen nur bedingt funktionieren, haben ja auch andere Beispiele gezeigt. Solide, ja. Aber eben nicht so märchenhaft wie in der ersten Zeit.

Das nächste Comeback?

Und nun? Kommt es bald vielleicht schon wieder zu einer Rückholaktion des Japaners, wer weiß: Bei der Ankunft in Japan gab Carsten Cramer zu Protokoll, dass Kagawa nach seiner aktiven Karriere „ein absolut gefragter Mann“ für den BVB sei. Das kommt jetzt vielleicht nicht überraschend: Ich würde mich freuen.

Im März dieses Jahres wäre ich eigentlich mit meiner Mutter in Japan unterwegs gewesen. Die Tickets für ein Spiel zwischen Cerezo Osaka und Vissel Kobe hatten wir schon gekauft. Aus der Reise wurde dann kurzfristig leider doch nichts. Shinji wurde in der 74. Minute eingewechselt. Im Elfmeterschießen hat er den ersten Elfmeter sicher verwandelt und den Grundstein für den 6:5-Sieg von Cerezo gelegt. Vielleicht schaffen wir es noch mal zu einem anderen Spiel. Bitte spiele noch ein paar Jahre, Shinji!

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