Mit den Lieblingsspielern ist das immer so eine Sache. Sie können begeistern, Hoffnung vermitteln und insbesondere in jungen Jahren können sie der Grund sein, dass man sich für einen Verein entscheidet. Bei mir war das nicht anders. Ich hatte Poster von Mario Götze an der Wand. Ich hatte die gleichen Schuhe wie Mario Götze. Für mein erstes Trikot, selbstredend von Mario Götze, investierte ich einen erheblichen Teil meines Kommuniongeldes in den Fetzen Polyester, nur um dann einige Wochen später weinend auf dem Schulhof der Grundschule zu sitzen, weil ein Betreuer mir gesteckt hatte, dass der Wechsel von Götze zu Bayern München fix wäre.
Das gleiche emotionale Investment hat seither kein Spieler mehr ausgelöst. Selbstredend liegt das daran, dass ich nicht mehr so spielerzentriert Fußball schaue, wie ich es noch zu Grundschulzeiten gemacht habe, aber es kamen auch weniger Spieler, in die man sich auf den ersten Blick verlieben konnte. Die goldene Generation der Meisterjahre wurde zunehmend älter und verließ den Verein – mal mehr, mal weniger glorreich. Die Transferstrategie veränderte sich. Brillante Spieler wurden als Neuzugänge verkündet. Einige schlugen voll ein, andere endeten in der Rubrik „Like, wenn du ihn noch kennst". Großartige Kicker prägten im gleichen Maße die Spiele wie die Transferphasen. Kaum hatte man die Spieler ansatzweise ins Herz geschlossen, waren sie auch schon wieder weg – mal mehr, mal weniger glorreich.
In genau diesem Zeitraum wuchs in der allgemeinen Fangemeinde immer mehr der Wunsch nach einem Hoffnungsträger, der die alte Beziehung zwischen Fans und Spielern wieder aufflammen lassen könnte. Eine Art Heiland, der die Nachfolge von Ikonen in ihren letzten Jahren wie Marco Reus oder Lukasz Piszczek antreten könne.
Problematisch war in diesem Zusammenhang, dass die Nachwuchsabteilung des BVB zwar großartig in ihren jeweiligen Wettbewerben spielte und Titel am Fließband holte, aber in der Entwicklung der einzelnen Spieler stockte. Neben Top-Talenten, die nur kurzfristig im NLZ spielten, fehlte der Nachwuchs aus der eigenen Region völlig. Es gibt einen legitimen Case dafür, dass das beste Talent über Jahre für die Profiabteilung relevant war, Felix Passlack hieß.
Folglich war die Hoffnung groß, als sich ein neuer Spieler ankündigte, der diese Hoffnungen neu aufleben ließ. Sein Name: Kjell Arik Wätjen. Hinter dem Namen, der klingt, als würde JK Rowling einen norddeutschen Seefahrer benennen, verbarg sich bereits jahrelange BVB-Erfahrung und eines der spannendsten Talente seines Jahrgangs. Befreundete und flüchtige Bekannte aus dem Scouting-Bereich waren sich gleichermaßen einig, und der BVB schien auch nicht minder überzeugt von ihm zu sein – anderweitig hätte er nie mit bereits 16 Jahren einen Profivertrag erhalten.
Seine Laufleistung, die Fähigkeiten als Passgeber und progressiver Ballträger wussten allesamt zu überzeugen. Dies noch gepaart mit (für sein Alter) enorm ausgereiften mentalen Fähigkeiten, ein Spiel zu lesen, und der Flexibilität, auf nahezu allen zentralen Mittelfeld-Positionen eingesetzt zu werden – in Wätjen schien sich ein exzellentes Talent anzubahnen. Allerdings waren all die aufgezählten Fertigkeiten nur zweitrangig in der Frage, warum sein Profidebüt alle begeisterte.
Man erhoffte sich endlich wieder den Spieler der Herzen. Das Eigengewächs. Den Jungen, der einst mit Marco Reus eingelaufen ist und fortan die Geschicke selbst in die Hand nehmen soll. Dass sein Bundesliga- und Startelf-Debüt gleich mit einer guten Leistung samt Traumvorlage auf Marco Reus gekrönt wurde, war noch die Kirsche auf der Sahnetorte. Der Hype nahm auch nicht ab, als Wätjen in den letzten Bundesliga- und Champions-League-Spielen nur noch auf knapp 15 Minuten kam.
Trotz der geringen Sample-Size war die Aktie Kjell Wätjen ungefähr mit der von SpaceX in den ersten Tagen nach dem Börsengang zu vergleichen, und gleichsam wie die ganzen Musk-Jünger ging ich ohne großes Nachdenken all-in. Es war weniger eine fundierte Meinung über die sportlichen Fähigkeiten, es war viel mehr purer Wunsch, dass sich das Ganze als Erfolgsgeschichte entpuppen würde.
Der Wunsch wurde nur umso größer, als im Sommer vereinseigene Interviews erschienen und Wätjen als sehr reflektierter Bursche rüberkam.
Die kommende Saison wurde eingeleitet von Nuri Sahin, der auf der ersten PK sagte, dass er es „liebe, mit Kjell Wätjen zusammenzuarbeiten", unter dessen Leitung es aber auch nur für zwei Kurzeinsätze reichte, und endete mit Wätjen als primärer U23-Spieler, weil auch Nachfolger Niko Kovac keine unmittelbaren Pläne mit ihm hatte.
Eine Leihe zu den Reviernahbarn aus Bochum schien eine solide Sache zu sein. Dass der Kader vom VfL arg auf Kante genäht war und in der Planung enorm eindimensional war, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht diagnostizieren. Die Folge waren dann viele Einsätze, von denen die wenigsten auf der Idealposition absolviert worden. Stattdessen wurde er primär als Flügelspieler eingesetzt, weil die Alternativen fehlten. Dass der VfL dazu noch einen katastrophalen Saisonstart hinlegte und statt um den Aufstieg mitzuspielen die gesamte Saison den Blick eher gen Abstiegsränge richtete, kommt noch dazu.
Die Leistungen waren sowohl im Zentrum als auch auf dem Flügel überschaubar. Viel zu oft fiel er durch technische Unsicherheiten auf und konnte viel zu wenig auf seine Stärken bauen. Die Folge waren dann gegen Ende immer mehr Spiele, die über 90 Minuten von der Bank verbracht wurden.
Eine Rückkehr nach Dortmund mit sportlicher Perspektive war zu diesem Zeitpunkt schon enorm unrealistisch, und folglich überraschte es auch kaum, dass er jetzt den Weg gen Dänemark geht und fortan wieder unter seinem alten Förderer Mike Tullberg spielt. Rational betrachtet hat Borussia Dortmund einen soliden Preis für einen Spieler verhandelt, der, sofern keine Apokalypse im Mittelfeld ausgebrochen wäre, kaum eine Rolle gespielt hätte.
Emotional dagegen nimmt mich der Wechsel mehr mit als nahezu alle Wechsel der letzten Jahre. Ich zweifle nicht daran, dass es eines Tages wieder Talente aus dem eigenen Fundus geben wird, die einen emotional wieder mehr mitnehmen können als das nächste Supertalent, bei dem man nur die Frage stellt, wann und für wie viele Millionen der Weg nach England eingeschlagen wird. In diesem Moment allerdings hat der Wechsel von Kjell Wätjen nach Midtjylland ein wenig den Beigeschmack des dahinsiechenden Fußballromanikers.
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