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BVB Handball und Frauensport

Unsere Spielzeit ist jetzt

Josefine Schnieders und Merle Berg sitzen gemeinsam auf dem Podium. Rechts steht ein Flipchart.
Bild: schwatzgelb.de

Dem Handballsport ist es vorbehalten, bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften stets besondere Aufmerksamkeit zu erhalten. Nach diesen Ereignissen geloben die Verantwortlichen Besserung und einen Gewinn an öffentlicher Aufmerksamkeit, doch nach kurzer Zeit schlafen sie wieder frustriert an ihren Schreibtischen ein. Wenn es tatsächlich zu einer Veränderung kommt, betrifft diese meistens die männliche Sparte. Der Frauenhandball versinkt dagegen schnell wieder in der Versenkung und ist im normalen Ligabetrieb weit von Professionalität entfernt – zumindest bei einem Großteil der Vereine.

Dieses Phänomen gibt es bei vielen Randsportarten – und dazu gehört leider auch der Frauenhandball. Wer bei internationalen Sportereignissen täglich den Medaillenspiegel verfolgt und feststellt, dass Deutschland immer weiter nach unten durchgereicht wird, sollte sich nicht ärgern, sondern analysieren, warum das so ist.

Auf dem Buchcover Jojo beim Sprungwurf und der Titel des Buches.
Inzwischen schon ein SPIEGEL Bestseller · GRAU Verlag

In ihrem gerade erschienenen Buch „Unsere Spielzeit ist jetzt“ beschäftigt sich Josefine Schneiders genau mit diesem Thema. Die ehemalige Bundesligaspielerin der TSG Bretzenheim war zusammen mit ihrer Freundin Merle Berg, Sportpsychologin, zu Gast im Borusseum. Berg, die zur Zeit an der Uni Bielefeld zum Thema mentale Stärke promoviert, gehört auch zum erweiterten Betreuerstab der Handballerinnen des BVB. Die beiden haben sich über TicToc kennengelernt und stellten sich an einem sehr kurzweiligen Abend den Fragen der Zuhörer:innen.

Josefine Schneiders begann die Veranstaltung mit einer Lesung aus ihrem Buch. In dem Kapitel „Mein Körper muss einiges aushalten“ geht es um Verletzungen beim Handballspielen und den richtigen Umgang damit. Dass es in diesem Bereich noch deutliche Defizite gibt, wurde in einer späteren Diskussion bestätigt. Betrachtet man die Budgets der Vereine für die sportmedizinische Betreuung im Verhältnis zum Gesamtbudget, so zeigen sich bei vielen Vereinen erschreckende Ergebnisse. Dies ist umso unverständlicher, da die Gesundheit der Spielerinnen das Potenzial der Vereine darstellt. Im Männer-Handball ist das leider nicht anders.

Spontan entschieden sich Josefine und Merle für eine Fragerunde, in der es vor allem um den Spaß beim Sport ging. Dabei wurde in Booster und Killer unterteilt. Nach einer Frage an das Publikum notierten die beiden die Vorschläge. Vieles, was schon beim Lesen des Buches eine Rolle gespielt hatte, fand sich in den Vorschlägen wieder. Vor allem das Teamgefühl und das Messen mit anderen bereiteten Spaß. Betont wurde auch das Gefühl, etwas getan zu haben, und dass man nach sportlichen Belastungen den Kopf frei bekommt.

Erstaunlicherweise – Merle hatte es bereits vermutet – überwogen die „Killer“, also die Spaßverderber, die „Booster“. Genannt wurden sowohl bestimmte Personen im Team als auch Freunde, die das Team verlassen würden. Eine Rolle spielten auch der innere und äußere Druck sowie Niederlagen und Verletzungen. Erwähnt wurden außerdem Verbissenheit, Teufelskreise, Rollenschwierigkeiten und Selbstzweifel, um nur einige zu nennen. Im Anschluss wurden den Zuhörer*innen Karten verteilt, auf denen sie Fragen und Kommentare formulieren konnten. Eine Kennzeichnung mit einem Herzen erlaubte Rückfragen, alle anderen Fragen wurden anonym behandelt. Es wurde großer Wert darauf gelegt, dass alles vertraulich behandelt wurde. Entsprechend waren die anschließenden Gespräche oft von Emotionen geprägt. Auch Jonas Konrad, der als Schiedsrichter in der Handball-Bundesliga tätig ist und gleichzeitig Geschäftsführer des Grau Verlags ist, kam zu Wort und berichtete über die Drucksituationen eines Unparteiischen. Josefine und Merle bewiesen in dieser Situation ein großes Fingerspitzengefühl. Dafür recht herzlichen Dank!

Josefine und Merle unterhalten sich stehend an einem Tisch. Josefine hält das Mikrofon.
Josefine und Merle beim Gespräch über den Frauenhandball · schwatzgelb.de

Im Anschluss an die Veranstaltung bestand die Möglichkeit, mit der Autorin zu sprechen und ein signiertes Buch zu erwerben. Beim Lesen des Buches hat jeder, der einmal Leistungssport betrieben hat, unglaublich viele Déjà-vu-Erlebnisse. Das gilt sowohl für die etwas andere Jugend als auch für den holprigen Weg zur mentalen Stärke. Josefine Schneiders beschäftigt sich aber auch mit dem Frauensport und den Möglichkeiten, wie dieser aus seiner Nische im Handball entfliehen könnte. Dabei deckt sie die Schwächen des Systems gnadenlos auf. Neben den Vereinen sind auch die Medien nicht ganz unschuldig. So fehlt selbst bei Weltmeisterschaften die notwendige Präsenz bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Argumente wie fehlende Einschaltquoten und Einnahmen erinnern an die Diskussion von Ursache und Wirkung.

Solange der Großteil des Budgets, Sponsorenentscheidungen und Medienrechte in den Händen weniger bleibt, bleibt auch die Ungerechtigkeit stabil.

— Josefine Schneiders

Dem würde ich noch hinzufügen: In der Hand weniger Männer. Die Förderung der Präsenz muss im Kleinen, an der Basis, anfangen. Hier sind auch die Vereine gefragt. Ein Beispiel sei hier nur genannt. Da wechselt der griechische Nationalspieler Konstantinos Karetsas zum BVB. Unzählige Medienberichte gipfeln in einem Termin bei einem Imbiss, bei dem 250 Taxiteller verteilt werden. Ich behaupte, dass es der erste und letzte Besuch in diesem Feinschmeckerlokal bleiben wird. Andererseits wechselt die 35-fache spanische Nationalspielerin Ona Vegué vom deutschen Meister TSG Blomberg-Lippe zu den Handballerinnen des BVB, was nur eine Randnotiz erhält. Vielleicht hätte sich sogar ein Sponsor für ein Tapas-Essen mit Ona gefunden. Sichtbarkeit beginnt an der Basis und muss nicht immer mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden sein. In puncto Präsenz können wir also noch viel lernen.

Ich kann allen Handballfans und Sportbegeisterten nur empfehlen, das Buch „Unsere Spielzeit ist jetzt“ von Josefine Schneiders zu lesen. Es geht darin um viel mehr als nur Handball, Frauensport und mentale Stärke. Das Ziel ist eine bessere Zukunft für den Frauensport. Der Weg dorthin wird holprig sein, und wir alle sollten dazu beitragen, ihn begehbarer zu machen. „Unsere Spielzeit ist jetzt“ ist im GRAU Verlag als Paperback für 19,90 € erschienen. Die Biografie ist auch als E-Book zum Preis von 17,99 € beim Verlag, im Buchhandel und bei Amazon (Paperback / Kindle)* zu beziehen.

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