Freitagnachmittag in Auschwitz-Birkenau. Ich stehe mit 22 anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in einem kleinen Birkenwäldchen. Seit Tagen sind wir gemeinsam unterwegs, haben gelacht, gegrübelt und gearbeitet. Doch jetzt sagt niemand etwas. Alle Blicke richten sich auf Zeev Reichard.
Sein Großvater hat den Holocaust überlebt und seine Erinnerungen erst Jahrzehnte später aufgeschrieben. Nun liest sein Enkel daraus vor – an dem Ort, an dem sich ein Teil dieser Geschichte abgespielt hat. Zeev spart die grausamsten Passagen aus. Er muss sie auch gar nicht vorlesen. Die wenigen Sätze reichen.
Ich schaue wieder in die Runde. Manche blicken ins Leere, andere starren auf den Boden. Einige wischen sich Tränen aus den Augen. Als Zeev später einen Stein für seinen Großvater am Internationalen Mahnmal niederlegt, bleibt es andächtig still. Niemand versucht, diesen Moment mit Worten zu füllen.
Es ist einer der eindrücklichsten Augenblicke einer Bildungsreise, zu der Borussia Dortmund, die whatmatters gGmbH und das Fanprojekt Dortmund vom 21. bis 27. Juli nach Oświęcim eingeladen haben. Seit vielen Jahren gehören diese Fahrten zur Erinnerungsarbeit des Vereins. Sie bringen Menschen an Orte, an denen Geschichte zwischen Backsteinen, Gleisen und Birken gegenwärtig wird.
Die Reise beginnt drei Tage zuvor. 23 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 17 und über 70 Jahren machen sich auf den Weg. BVB-Fans sind dabei, ebenso Menschen, die mit Fußball wenig anfangen können. Eine Gruppe, die unterschiedlicher kaum sein könnte und schon am ersten Abend erstaunlich gut zusammenpasst.
Nach den Führungen sitzen wir in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte zusammen, spielen Doppelkopf, schocken, spielen Tischtennis, stehen am Kickertisch oder lassen den Tag bei einem Bier ausklingen. Es wird viel gelacht und dennoch finden die Gespräche immer wieder auf das zurück, was wir tagsüber gesehen oder in Workshops diskutiert haben.
Ein glücklicher Zufall macht vieles leichter: Ein Mitglied aus unserer Gruppe stammt aus Polen und spricht fließend Polnisch. Mal hilft er in der Mensa dabei, noch eine Portion Nachschlag zu bestellen, mal übersetzt er in Alltagssituationen. Als eine Teilnehmerin nach einem Missgeschick ins Krankenhaus muss, fährt er mit und spricht mit den Ärzten.
Daniel Lörcher, Initiator der Auschwitz-Fahrten und inzwischen BVB-Vize-Präsident, und Kim Sommerer von whatmatters prägen die Woche. Daniel führt uns durch Oświęcim, die Synagoge und das Dorf Monowitz. Immer wieder verbindet er die Orte mit den Menschen, die dort gelebt, gelitten oder überlebt haben. Kim leitet die Workshops und die täglichen Reflexionsrunden. Sie greift Fragen aus der Gruppe auf, ordnet historische Zusammenhänge ein und schafft einen Rahmen, in dem die Eindrücke nachwirken können.
Bei den Besuchen der Gedenkstätte begleitet uns außerdem ein Guide des Museums. Sie führt uns durch das Stammlager und über das Gelände von Birkenau, erklärt Gebäude, Abläufe und Orte. Was auf Plänen und historischen Aufnahmen abstrakt wirkt, bekommt durch ihre Erläuterungen eine reale Dimension. Trotz des ernsten Themas sorgt sie mit ihrer sehr speziellen Art unfreiwillig für witzige Gespräche am Abend und auch nach der Reise.
Nach den Führungen ist das Programm allerdings selten vorbei. Oft beginnt die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Erlebten erst am Abend.
Am Mittwoch gehen wir durch Oświęcim. Wer zum ersten Mal hierherkommt, verbindet den Namen fast automatisch mit dem Konzentrationslager. Dabei existierte die Stadt lange vor dem KZ Auschwitz. Vor dem Krieg lebte hier eine große jüdische Gemeinde. Über die Hälfte der Einwohner waren jüdisch. Mehr als 7.000 Jüdinnen und Juden lebten dort. Viele Jahre kein einziger mehr.
In der restaurierten Synagoge setzen wir uns auf die Holzbänke. Zeev und Daniel erklären, was eine Tora ist, warum Männer eine Kippa tragen und wie ein Gottesdienst abläuft. Für viele von uns ist es der erste Besuch in einer Synagoge. Zum ersten Mal in dieser Woche steht jüdisches Leben im Mittelpunkt.
Später betreten wir das Stammlager Auschwitz I. Auf den ersten Blick wirkt es beinahe unscheinbar. Backsteingebäude, Bäume, Kieswege. Über dem Eingang steht der Schriftzug, den man schon unzählige Male gesehen, aber nie selbst vor Augen hatte: „Arbeit macht frei“. Zum ersten Mal läuft mir ein Schauer über den Rücken.
Unser Guide führt uns über den Appellplatz. Wir stehen vor dem Galgen. Der Kopf kann nicht begreifen, welche Qualen Menschen bis vor 81 Jahren durchstehen mussten.
Im Keller von Block 11 verstummt unsere Gruppe. Unser Guide bittet vier Frauen zu sich. Sie sollen sich dicht gedrängt nebeneinander stellen – so wie Gefangene im Stehbunker. Auf einer Fläche von gerade einmal 90 mal 90 Zentimetern mussten Menschen über Nacht ausharren, eingemauert in völliger Dunkelheit und manchmal ohne Luftzufuhr.
Wenig später stehen wir vor der Schwarzen Wand im Innenhof zwischen Kranken- und Gefängnisblock. Tausende Menschen wurden hier erschossen. Auch hier spricht niemand.
In der israelischen Länderausstellung erreichen wir das Buch der Namen. Seite um Seite, Band um Band füllen die Namen der ermordeten Jüdinnen und Juden einen ganzen Raum. 4 Millionen Namen stehen drin, für die anderen 2 Millionen wurden die Seiten leer gelassen. Ich stehe davor und versuche zu begreifen, dass hinter jedem Eintrag ein Mensch stand.
Dann gehen wir vorbei an dem Galgen, an dem Lagerkommandant Rudolf Höß nach dem Krieg gehängt wurde, in die Gaskammer und das Krematorium. Unsere Guide zeigt die Öffnungen in der Decke, durch die SS-Männer das Giftgas Zyklon B in die Kammer gekippt haben. Die Öfen, in denen die Leichen später verbrannt wurden, stehen noch. Man hat sie auf Bildern gesehen. Jetzt steht man selbst davor.
Als wir das Stammlager verlassen, bilden Appellplatz, Galgen, Stehzellen, Schwarze Wand, Gaskammer, Öfen und das Buch der Namen ein Chaos in meinem Kopf. Fast zu viele Eindrücke für einen Tag.
Am Abend dann noch eine Reflexionsrunde, wo jeder nochmal seine Gefühle aussprechen darf, aber nicht muss.
Am Donnerstag nähern wir uns der Geschichte über einzelne Lebenswege. Einer davon gehört Julius Hirsch – Nationalspieler, Deutscher Meister, einer der bekanntesten Fußballer seiner Zeit.
1943 wird er nach Auschwitz deportiert. Sein letztes Lebenszeichen ist eine Postkarte, die er während des Deportationszugs in Dortmund aufgibt. Danach verliert sich seine Spur. Sehr wahrscheinlich wird er sofort nach seiner Ankunft in Auschwitz in die Gaskammer geschickt. Dass ausgerechnet Dortmund der letzte nachweisbare Ort seines Lebens ist, verleiht seiner Geschichte auf einer Reise mit Borussia Dortmund eine besondere Nähe.
Ein weiterer Workshop beschäftigt sich mit dem sogenannten Auschwitz-Album. Während der Ungarn-Aktion deportieren die Nationalsozialisten im Frühjahr und Sommer 1944 innerhalb weniger Wochen mehr als 400.000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn nach Auschwitz. SS-Männer fotografieren die Ankunft der Transporte.
Wir betrachten Bilder von Menschen, die gerade aus den Viehwaggons gestiegen sind. Sie stehen auf der Rampe oder warten auf die Selektion. Viele von ihnen werden kurze Zeit später ermordet. Die Fotos zeigen die letzten Momente ihres Lebens.
Wir sehen ein Video-Interview mit Hans Frankenthal. Seine Erzählung beginnt in Schmallenberg. Bei seiner Kindheit, seiner Familie, einem ganz normalen Leben. Dann nehmen ihm die Nationalsozialisten Schritt für Schritt jede Normalität.
Er berichtet von der Deportation und von der Zwangsarbeit in Auschwitz-Monowitz. Nach dem Krieg kehrt er nach Schmallenberg zurück – in eine Stadt, in der viele der Menschen weiterleben, die ihn zuvor ausgegrenzt oder verfolgt haben. Trotzdem entscheidet er sich, seine Geschichte immer wieder zu erzählen.
Daniel Lörcher knüpft daran an. Er berichtet von seinen Begegnungen mit Eva Szepesi. Mit zwölf Jahren wird sie nach Auschwitz deportiert und überlebt, weil sie sich bei der Ankunft als Sechzehnjährige ausgibt. Jahrzehntelang schweigt sie über das Erlebte. Heute besucht die mittlerweile 93-Jährige Schulen und Gedenkstätten, spricht mit jungen Menschen und wirbt dafür, dass Erinnerung weitergetragen wird.
Der Donnerstag ist lang. Am Abend sitzen wir wieder zusammen. Die Geschichten von Julius Hirsch, Hans Frankenthal und Eva Szepesi lassen sich schwer beiseiteschieben. Sie begleiten uns in die Gespräche und in die Stille dazwischen.
Am Freitag fahren wir nach Auschwitz-Birkenau. Schon der erste Eindruck irritiert mich: Das Gelände ist zu grün und viel zu still.
Gras wächst zwischen den Gleisen und um die Reste der Baracken. Bäume stehen entlang der Wege. Es duftet nach frisch gemähtem Heu. Das Birkenwäldchen neben den Überresten eines Krematoriums wirkt viel zu idyllisch. Ich versuche mir vorzustellen, wie es hier 1944 gewesen sein muss. Die Menschen auf der Rampe. Rufe, Befehle, Schreie. Der Lärm der ankommenden Züge. Der Gestank aus den Krematorien, deren Öfen Tag und Nacht brannten. Doch es funktioniert nicht. Hier ist es zu schön um sich das Leid und Grauen vorstellen zu können.
Unsere Guide führt uns über das Gelände. Sie zeigt uns die Ruinen der Krematorien, die Reste der Baracken und die Flächen, auf denen Tausende Menschen gleichzeitig gefangen gehalten wurden. Die Größe des Geländes lässt sich auf keinem Foto erfassen. Der Blick wandert weiter und findet doch keinen Endpunkt.
Später erreichen wir das kleine Birkenwäldchen. Zeev nimmt die Erinnerungen seines Großvaters zur Hand. In den Tagen zuvor haben wir Zahlen gehört, historische Zusammenhänge kennengelernt und Orte besucht, deren Namen jeder kennt. Jetzt spricht ein Enkel über seinen Großvater.
Die Geschichte bekommt eine Stimme.
Am selben Tag kehren wir für einen besonderen Termin ins Stammlager zurück. Ein Mitarbeiter des Museums zeigt unserer Gruppe Kunstwerke von Häftlingen, die regulären Besucherinnen und Besuchern verborgen bleiben. Er erzählt die Geschichten der Künstlerinnen und Künstler mit einer Begeisterung, die sofort ansteckend wirkt.
Besonders bewegt mich die Geschichte von Dina Babbitt. Als junge Frau muss sie für Josef Mengele Porträts von Sinti und Roma malen. Die Bilder retten ihr das Leben. Nach dem Krieg wandert sie in die USA aus, heiratet den Erfinder von Goofy und arbeitet in Hollywood.
Am Samstag beschäftigen wir uns mit Auschwitz-Monowitz. Wir gehen der Frage nach, welchen Einfluss das Management der IG Farben auf die Bedingungen im Lager hatte und wie der Konzern von der Sklavenarbeit der KZ-Häftlinge profitiert hat.
Später bringt uns ein Reisebus dorthin, wo sich bis 1945 das Lager befand. Nach wenigen Minuten Fahrt steigen wir an einer Hauptstraße aus und laufen in ein Wohngebiet. Einfamilienhäuser, Rosen in den Vorgärten, menschenleere Straßen.
Daniel Lörcher erzählt von Auschwitz III, von Zwangsarbeit und der Vernichtung durch Arbeit. Hinter ihm scharrt ein Huhn im Beet eines gepflegten Gartens und verschwindet im Gebüsch. Ich schaue die Straße hinunter. Meine Vorstellungskraft stößt erneut an ihre Grenzen. Der Ort, den ich sehe, und der Ort, von dem Daniel erzählt, lassen sich kaum zusammenbringen.
Am Sonntag sitzt die Gruppe ein letztes Mal zur Reflexion zusammen. Eine Woche lässt sich in einer solchen Runde kaum abschließen. Zu viel wirkt weiter. Die Orte bleiben im Kopf, vor allem aber die Menschen.
Julius Hirsch. Hans Frankenthal. Eva Szepesi. Dina Babbitt. Zeevs Großvater. Ihre Geschichten geben den Orten Gesichter. Wir fahren mit ihren Geschichten im Gepäck nach Hause. Sie werden am Arbeitsplatz weitererzählt, im Freundeskreis, in der Schule, an der Uni oder auf der Südtribüne. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden zu Multiplikatoren.
Über meinen Verein habe ich mich oft geärgert. Über Spiele, Trainer oder Transfers. Seit dieser Woche gehört zu meinem Bild von Borussia Dortmund noch etwas anderes. Der Verein investiert seit vielen Jahren Zeit, Geld und Überzeugung in diese Form der Erinnerungsarbeit. Und so bin ich nach dieser Reise noch ein Stück stolzer darauf, Borussia Dortmund meinen Verein zu nennen.
Ein Bericht von Klara.