Es kribbelt. Endlich wieder Fußball! 113 Tage nach dem letzten Liga-Heimspiel gegen Frankfurt endlich wieder Westfalenstadion. Der Hamburger Sportverein ist zu Gast zum Start in die 64. Bundesligasaison. Im Zug nach Dortmund, auf dem Weg durchs Kreuzviertel, draußen vor den Drehkreuzen, drinnen im Block: Überall ist den Menschen die Vorfreude anzumerken.
HSV? Westfalenstadion? Da war doch was: Beim letzten Aufeinandertreffen führten die Hamburger nach 38 Minuten mit 2:0. Heute läuft das Spiel komplett anders.
Furioser Start
Wann hat der BVB das letzte Mal eine so schnelle, so kreative und konsequente, ja auch eine so mitreißende Halbzeit gespielt? Keine Ahnung. In der neunten Spielminute spielen sich Konstantinos Karetsas und Serhou Guirassy den Ball viel zu schnell für die Hamburger Abwehr zu. Zack, zack, zack. Guirassy schießt nicht direkt, nimmt den Ball noch mal kurz mit und fast wirkt es so, als lasse er die Chance liegen, weil die Schussbahn nun zu ist. Aber nein: Doppeltunnel, langes Eck, 1:0. Geil!
Apropos Guirassy: Der Stürmer, der in der vergangenen Saison häufig lustlos über den Platz schlurfte (oder fiel), macht heute viele Bälle fest, dribbelt sich das eine oder andere Mal wirklich flink an seinen Gegenspielern vorbei – und überzeugt nicht nur wegen des Tores. Die Zusammenspiele mit den beiden zentralen Offensivspielern (Karetsas und Konstantelias) wirkten schon im ersten Ligaspiel eingespielter, als das in der vergangenen Saison manchmal den Eindruck machte.
Allen voran Karetsas fällt auf: Er fordert immer wieder Bälle, häufig weit in der eigenen Hälfte, baut den ein oder anderen Trick ein, gibt in der ersten Halbzeit richtig Gas und zwingt Heuer-Fernandes mit einem Abschluss zur Fußabwehr. Giannis Konstantelias, der andere Neuzugang aus Griechenland, führt den Ball wunderbar eng am Fuß, sein Schuss in der Nachspielzeit der ersten Hälfte landet mit etwas Glück im Netz. Auf der Süd gibt es kein Halten mehr: Auch in ganz schweren Zeiten werden wir dich stets begleiten!
Schreie und Sirtaki
Die Stimmung ist im ersten Durchgang phasenweise überragend. Auch die BVB-Wechselgesänge, die sonst vor allem auswärts funktionieren, sind heute richtig laut. Nicht nur in den Süd-Ecken, auch auf der West und Ost steigen viele Leute in die Gesänge mit ein. Es macht einfach nur Bock!
Dass in der Halbzeit Sirtaki-Klänge über die Stadionanlage laufen und weite Teile der Südtribüne gemeinsam schunkeln, zeigt mal wieder, wie stumpf dieser Sport doch sein kann. Die ein oder andere griechische Fahne weht bereits im Westfalenstadion. Der Hype ist real. Aber er währt leider nicht lange. In der 52. bleibt Konstantelias nach einem Zweikampf mit Jatta liegen, muss verletzt raus. Das darf doch nicht wahr sein! Nach 45 begeisternden Minuten ist die bittere Verletzung ein echter Dämpfer für Stimmung und Spiel.
Es dauert lange, bis die Gesänge wieder lauter werden. Marcel Sabitzer, der als Ersatz auf den Platz kommt, ist natürlich ein völlig anderer Spielertyp, ist offensiv längst nicht so präsent. Der Druck lässt spürbar nach, Fehlpässe häufen sich, der BVB spielt wieder behäbiger. In der 67. trifft Daka für den HSV den Pfosten. Dann kommen Inacio, Veerman, Mane. Drei Minuten später muss Samuele Inacio schon wieder runter. Von der Tribüne aus sieht das Foul nicht sonderlich brutal aus, der Ball ist auch dabei – Gelb vielleicht. Jetzt, beim Schreiben dieses Textes, muss man sagen: Kann man geben, viel zu ungestüm vom 18-Jährigen.
Ein druckvoller HSV, der BVB nur noch zu zehnt: Die Konstellation sorgt dafür, dass die Stimmung wieder ordentlich anzieht. Nach dem Motto: jetzt erst recht! Die Punkte bleiben hier! Auch die Gästefans, die in der ersten Hälfte zwar beim Springen zu sehen, aber beim Singen nicht so recht zu vernehmen waren, machen sich jetzt bemerkbar. Der BVB wirft sich in die Zweikämpfe, Kobel pariert einige Male gut. Es reicht. Heimsieg, geil! Aber zu welchem Preis? Der Verdacht bei Konstantelias lautet Kreuzbandriss. Wie bitter ist das? Der Junge kann einem nur leidtun.
Tut der BVB jetzt noch mal etwas auf dem Transfermarkt? Muss ein 1:1-Ersatz her? Oder doch ein Schienenspieler, damit Maxi Beier, der seine Sache auf außen heute ordentlich gemacht hat, ins offensive Mittelfeld geht? Es bleibt (leider) spannend.
Zwei Spieler verdienen noch ein Lob: Bei Jobe Bellingham stellte sich die Frage, wie er mit dem Konkurrenzdruck durch Joey Veerman umgehen würde. Die Antwort: sehr abgeklärt. Der Engländer macht dank vieler tiefer Pässe und guter Grätschen ein Top-Spiel. Und auch Daniel Svensson, der auf der ungewohnten Position des linken Innenverteidigers startete, überzeugt.
Auf den Rängen
Das erste Saisonspiel ist leider häufig auch ein Tag der Abschiede und des Gedenkens. So auch dieses Mal.
Vor dem Spiel nimmt das Westfalenstadion Abschied von Anke Bierhoff, die sich viele Jahre im Fanrat und der Fanabteilung engagiert hat und die im Juli leider viel zu früh verstorben ist. Auch Wolfang Paul wird gedacht: Der „Stopper“, der den BVB zu Meisterschaft sowie Pokalsieg führte und 1966 in Glasgow gegen Liverpool zum Europapokalhelden wurde, verstarb im Juni mit 86 Jahren.
Ruhe in Frieden!