Transfer-Stau, Sommerloch, finanzielle Engpässe – das Transferfenster des BVB wurde in den vergangenen Wochen mit wenig schmeichelhaften Begriffen beschrieben. Zum Geburtstag des Autors war damit allerdings Schluss. Am 3. August stellte Borussia Dortmund seinen neuen Zehner offiziell vor: Kosta Karetsas, den Nachfolger von Julian Brandt.
Dafür macht Sportdirektor Ole Book das Portemonnaie weit auf. Rund 30 Millionen Euro, dazu bis zu 2 Millionen Euro an möglichen Bonuszahlungen und 300 Taxiteller soll der von einigen Journalisten zum „Zauberer“ ernannte Grieche wert sein. Das Portal „Transfermarkt.de“ sieht seinen Marktwert sogar bei 35 Millionen Euro.
Lieferzeit? Am besten bis gestern!
An diese Summen ist vor allem eine Erwartung geknüpft: Karetsas soll möglichst schnell für mehr Kreativität in der Offensive sorgen. Am besten schon gestern.
Wie dringend der BVB diese Kreativität gebrauchen kann, zeigte auch die Vorbereitung in Japan. Neben einem Ersatz für Flügel-Sprinter Karim Adeyemi fehlt es Dortmund aktuell vor allem an Ideen im letzten Drittel. Ein Tor aus zwei Testspielen ist schließlich eine eher überschaubare Ausbeute. Auch wenn der FC Tokyo und der Kagawa-Klub Cerezo Osaka kurz vor dem Saisonstart standen und damit bereits etwas besser im Saft waren.
Einen ersten Vorgeschmack auf das, was Karetsas liefern könnte, gab es dann im Emirates Cup gegen den FC Arsenal. Der 18-Jährige stand erstmals für den BVB in der Startelf – und brauchte gerade einmal eine Halbzeit für sein erstes Tor. Dortmund konterte über die rechte Seite. Karetsas nahm den Ball mit, dribbelte bis zur Strafraumkante, legte ihn sich noch einmal auf den linken Fuß und schloss ab. 0:2. Ein Treffer, wie man ihn auch aus seinen Highlight-Videos kennt: Dribbling, nach innen ziehen, Abschluss. Ein Debüt nach Maß.
Zur Halbzeit war allerdings schon wieder Schluss. Niko Kovac machte anschließend deutlich, dass die Auswechslung nichts mit der Leistung des Neuzugangs zu tun hatte:
Er braucht natürlich noch Zeit. Er ist körperlich noch nicht auf dem Niveau, wie wir es gerne hätten. Deswegen hat er auch nur 45 Minuten gespielt.
Das Tor gegen Arsenal war also ein erster Fingerzeig – mehr aber auch nicht. Karetsas kommt mit vielen Vorschusslorbeeren nach Dortmund, muss sich aber gleichzeitig an ein neues Niveau, neue Mitspieler und einen deutlich höheren Rhythmus gewöhnen. Viel Anlaufzeit dürfte ihm dabei nicht bleiben. Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League warten auf den 18-Jährigen. Dazu kommt die griechische Nationalmannschaft, in der Karetsas bereits eine feste Größe ist. Aus dem Nachwuchsspieler, der bei KRC Genk seine ersten Schritte im Profifußball machte, soll beim BVB möglichst schnell ein Leistungsträger werden.
Genau deshalb wird es für Niko Kovac und sein Trainerteam nicht nur darum gehen, Karetsas körperlich auf Bundesliga-Niveau zu bringen. Viel entscheidender wird sein, wie seine Kreativität, in das Dortmunder Spiel eingebunden werden wird.
Was bedeutet „Kreativität“ eigentlich bei Kosta Karetsas? Und wie zeigt sie sich auf dem Platz? Sein ehemaliger Trainer Thorsten Fink beschreibt ihn im Gespräch mit Sport1 so:
Er ist sicherlich ein guter Spieler, der gute technische Anlagen hat, dribbelstark ist und einen guten letzten Pass spielen kann. Eine Zaubermaus, ein typischer Zehner, der sicherlich auch rechts spielen kann – je nach System des Trainers.
Ballführung, Dribbling und der letzte Pass gehören zu den großen Stärken des Griechen. Karetsas sucht gerne den Weg in die Tiefe und kann mit einem Pass hinter die letzte Linie gefährlich werden. Nach der Ballannahme geht es häufig direkt nach vorne: Tempo aufnehmen, Räume attackieren und den Ball ins letzte Drittel tragen. Dabei hilft ihm vor allem seine Wendigkeit. Karetsas ist klein, beweglich und kann schnell die Richtung wechseln. Er versucht zunächst, den freien Raum zu finden – und entscheidet sich dann für die passende Aktion.
Sein Spiel ist von Technik und Übersicht geprägt. Genau das könnte beim BVB besonders wertvoll werden. Dortmund hat viel Ballbesitz und trifft in der Offensive regelmäßig auf tief stehende, kompakte Gegner. Spieler wie Karetsas können in solchen Situationen den Unterschied machen. Thorsten Fink sieht dafür vor allem eine Voraussetzung:
(…) Seine Freiheit, denn nur dann kann er sich richtig entfalten.
Ob Niko Kovac seinem neuen Zehner diese Freiheit geben wird, muss sich zeigen. Wünschenswert wäre es aus Dortmunder Sicht allemal. Schließlich hat sich der BVB auf dem Transfermarkt lange umgesehen, bevor er für Kosta Karetsas tief in die Tasche griff. Jetzt beginnt für den „Zauberer“ der deutlich schwierigere Teil: aus Vorschusslorbeeren Leistung zu machen. Das erste Tor ist schon da. Karetsas muss zeigen, dass es nicht bei einem schönen Debüt bleibt. Schließlich scheiterte auch sein Vorgänger daran, konstant gute Leistungen abzurufen.
Und sollte Karetsas beim BVB tatsächlich einschlagen, dürfte der obligatorische Taxiteller nach dem Spiel in Dortmund künftig vielleicht noch ein bisschen besser schmecken als ohnehin schon.
In diesem Sinne: Einmal die 19 bitte!