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Franz-Beckenbauer-Supercup

Gescheiterte Generalprobe im Westfalenstadion

Eine Gruppe von Spielern des BVB steht niedergeschlagen zusammen
Bild: schwatzgelb.de

Borussia Dortmund verliert das erste Endspiel der Saison um den Franz-Beckenbauer-Supercup mit 1:2 gegen den FC Bayern. Ein Endspiel, das sich gar nicht anfühlt wie ein Endspiel. Ein Titel, der bei der Qualifikationsmethode irgendwie gar nicht ausgespielt werden sollte. Und doch ein Abend, der zumindest ein paar Beobachtungen und Aussagen zulässt. Wir haben das Spiel nicht wie üblich begleitet, geben euch hier dennoch ein paar kurze Eindrücke aus dem Westfalenstadion wieder. 

Zum Sportlichen

Englisches Duell: Jobe Bellingham gegen Harry Kane
Englisches Duell: Jobe Bellingham gegen Harry Kane · schwatzgelb.de

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt und lässt sich bei den üblichen sportjournalistischen Quellen in voller Länge nachlesen. Beide Mannschaften sind engagiert ins Spiel gestartet. Dann hat es der BVB versäumt, durch kontrollierten Spielaufbau Gefahr aufzubauen, sodass der FC Bayern immer dominanter wurde. Nach individuellen Fehlern konnten die Münchner in der ersten Hälfte zwei Tore erzielen, weshalb es der BVB in der zweiten Halbzeit endlich darauf anlegte, selbst zu treffen und das Spiel deutlich offener gestalten konnte. Das hat dann auch zu ein paar kurzen Momenten geführt, in denen das Stadion erwachte. Am Ende reichte es jedoch trotz hochkarätiger Chancen nicht zum Ausgleich. So weit, so gut. Hier also einzelne, konkrete Beobachtungen:

Joane Gadou: Der französische Neuzugang hat eine großartige körperliche Präsenz, hohe Geschwindigkeit und starkes Zweikampfverhalten. Es hakt allerdings noch, wenn er selbst den Ball am Fuß hat. Er wirkt nervös, spielt verbesserungswürdige Pässe und fällt dabei in der Regel die Entscheidung, die am naheliegendsten ist. Am Ball besteht hier noch eine Menge Verbesserungspotenzial.

Joane Gadou: Der französische Neuzugang hat eine großartige körperliche Präsenz, hohe Geschwindigkeit und starkes Zweikampfverhalten.
Joane Gadou: Der französische Neuzugang hat eine großartige körperliche Präsenz, hohe Geschwindigkeit und starkes Zweikampfverhalten. · schwatzgelb.de

Waldemar Anton: Hat sich wieder einmal als wahrer Abwehrchef des BVB hervorgetan. Fiel insbesondere dadurch auf, wie hoch er teilweise im mannorientierten Pressing mitging, sodass er im Spielaufbau der Bayern zeitweise in der Hälfte der Münchner zu finden war. 

Invertierte Außenverteidiger: Was sich Kovač hierbei gedacht hat, frage ich mich schon die gesamte Vorbereitung. Auch gegen die Bayern wurde wieder einmal klar, dass dieses Experiment bisher nicht zu den gewünschten positiven Effekten führt. Defensiv gab es hier wenig spürbaren Unterschiede, offensiv hätten sowohl Svensson als auch Ryerson mehrfach besser eingesetzt werden können, wenn sie auf ihrer angestammten Seite spielen würden. Das hat man nach der Umstellung in der zweiten Halbzeit auch sofort gemerkt. 

Hängende Köpfe bei Felix Nmecha & Co. nach dem Gegentreffer zum 0:1
Hängende Köpfe bei Felix Nmecha & Co. nach dem Gegentreffer zum 0:1 · schwatzgelb.de

Jobe Bellingham: Überwiegend unglückliche Partie des jungen Briten. Man merkt, dass er einen großen Schritt gemacht hat, was seine körperliche Präsenz anbelangt. Defensiv ist Jobe immer noch ein starker Ballgewinner, der viele Wege macht und Räume zuläuft. Am Ball hat Bellingham aber gegen die Bayern nicht nur häufig die falsche Entscheidung getroffen, er hat auch mit mehreren schwerwiegenden Fehlpässen direkte Chancen der Münchner eingeleitet. Das führte dann dazu, dass ihm mit zunehmendem Spielverlauf der Mut fehlte. In Situationen, in denen er einen vertikalen, öffnenden Pass hätte spielen sollen, wählte er stets die konservative Variante. 

Felix Nmecha: Schwankte auch gegen die Bayern wie gewohnt zwischen Genie und Wahnsinn. Was dieser Typ am Ball kann, was für eine körperliche Präsenz er hat und wie er seine langen Beine gewinnbringend einsetzt, ist manchmal einfach nicht zu fassen. Gleichzeitig muss man sich an den Kopf packen, wenn er dann den Ball richtig dusselig verliert und hinterhertrabt. 

Samuele Inacio: Das war eine ziemlich unauffällige Partie des Youngsters.
Samuele Inacio: Das war eine ziemlich unauffällige Partie des Youngsters. · schwatzgelb.de

Samuele Inacio: Das war eine ziemlich unauffällige Partie des Youngsters, um es freundlich zu formulieren. Hatte zu Beginn eine große Kopfball-Halbchance, fiel danach aber in keiner Art und Weise irgendwie auf. Das ist vollkommen in Ordnung für sein Alter und seinen Entwicklungsstand – er wird es mit solchen Leistungen aber sehr schwer haben, gegen die beiden neuen Griechen Spielzeit zu erhalten. 

Konstantinos Karetsas: Schon beim Einlaufen zum Warmmachen versprühte der Grieche richtige junger-Mario-Götze-Vibes. Als er den Ball jonglierend einmal quer durch die Hälfte des BVB joggte, fühlte ich mich direkt an 2010 erinnert. Seine Ballbehandlung, von Ballannahme über enge Ballführung bis zu plötzlichen Richtungswechseln, überragt jetzt schon sämtliche anderen Spieler im gesamten Kader. Dazu scheint er aus dem Fußgelenk Pässe zu spielen, von denen ich vorher noch nicht einmal wusste, dass man sie spielen könnte. Dem Jungen quillt das Potenzial nur so zu den Ohren heraus und wenn er fit bleibt, wird er ein elementarer Faktor für den sportlichen und offensiven Erfolg des BVB in dieser Saison sein. Vielleicht übertreibe ich gerade ein bisschen, aber ich bin verliebt. 

Serhou Guirassy: Hat in seiner Rolle als Prellspieler wieder einmal nicht die Leistung gebracht, die er als Abschlussstürmer bringen könnte. Sah gegen Tah überhaupt kein Land in Luftduellen, konnte kaum Bälle behaupten oder festmachen und sollte in der Zukunft einfach nicht mehr mit langem Holz angespielt werden. Bindet ihn doch bitte in ein flüssiges Kombinationsspiel ein, statt ihn immer wieder mit Befreiungsschlägen zu versorgen. Dann – und nur dann – wird er seine Stärken richtig ausspielen können. 

Giannis Konstantelias: War, genau wie sein griechischer Nationalmannschaftskollege, ein richtiger Lichtblick an einem dunklen Samstagabend.
Giannis Konstantelias: War, genau wie sein griechischer Nationalmannschaftskollege, ein richtiger Lichtblick an einem dunklen Samstagabend. · schwatzgelb.de

Giannis Konstantelias: War, genau wie sein griechischer Nationalmannschaftskollege, ein richtiger Lichtblick an einem dunklen Samstagabend. Präzise Ballannahme, trickreiche Ballführung, gute Entscheidungen. Setzte Svensson mit seinem Steckpass zum 1:2 gekonnt in Szene und bewies bei einem Konter mit einer Verlagerung auf Karetsas großartige Übersicht. “Delias” versprüht jetzt schon große Hoffnung auf eine deutlich attraktivere Offensive als in der abgelaufenen Saison.

Maximilian Beier: Hat genau das gezeigt, was man von ihm gewohnt ist – im Guten wie im Schlechten. Starkes Pressing und großartiger Einsatz, aber eben auch diese vermaledeite Chance in der Nachspielzeit, die aus der Position einfach im Tor landen MUSS! Wirkte insgesamt ein bisschen wie der Verlierer der Vorbereitung. 

Der hätte sitzen müssen: Maxi Beier vergibt in den Schlussminuten das 2:2
Der hätte sitzen müssen: Maxi Beier vergibt in den Schlussminuten das 2:2 · schwatzgelb.de

Taktik: Gefühlt hat Kovač den BVB in einem “großen” Spiel erneut zu defensiv eingestellt. Durch die vielen langen Bälle auf Guirassy in der ersten Halbzeit fand die Borussia kaum Wege, den Bayern ernsthaft gefährlich zu werden. Das änderte sich schlagartig mit dem Wechsel zur zweiten Halbzeit, in der Kovac sowohl die invertierten Außenverteidiger umstellte als auch den blassen Inacio vom Platz nahm. Als der BVB Druck entfachen musste, kam er auch gleich gefährlich vor das Tor. So wirkt das Spiel insgesamt ein kleines bisschen vercoacht. 

Das Erlebnis

Dass diese Partie von großen Teilen des gewöhnlichen Publikums als glorifiziertes Testspiel mit Siegerehrung gesehen wird, zeigte sich an der Abwesenheit sämtlichen organisierten Supports auf der Südtribüne. Dementsprechend mau war die Stimmung, koordinierte Gesänge kamen äußerst selten auf und sollten sich auf absolute Gassenhauer wie “Zieht den Bayern die Lederhosen aus” oder “Unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz” beschränken. Und das obwohl eine Gruppe hinter mir immer wieder versuchte, “Und wenn du das Spiel gewinnst” anzustimmen. Es scheiterte vermutlich vor allem daran, dass danach nicht eine einzige richtige Textzeile folgen sollte. 

Deutlich anderer Auftritt der Südtribüne als zu Bundesliga-Heimspielen
Deutlich anderer Auftritt der Südtribüne als zu Bundesliga-Heimspielen · schwatzgelb.de

Aber: das Westfalenstadion zeigte sich durch den fehlenden Dauergesang in wenigen Szenen von seiner besten Seite. Reaktionen aufs Spielgeschehen ließen das Stadion mitgehen und richtig, richtig laut werden, sei es die Drangphase kurz nach der Pause, mögliche Konter oder die Großchance in der Nachspielzeit. Das ist etwas, von dem ich mir auch im Ligaalltag deutlich mehr wünschen würde.

Was die große Anzahl an “Touristen” auch mit sich brachte, waren zaghafte Auseinandersetzungen durch andauerndes Gefilme von der Tribüne. Hier möchte ich ausnahmsweise eine vermittelnde Position einnehmen: Menschen, die das Westfalenstadion und die Südtribüne erstmals erleben, sind oft überwältigt von Wucht und Größe. Dass sie das irgendwie festhalten und vielleicht auch transportieren wollen, finde ich total legitim und gönne es den Leuten auch. Sie kennen die ungeschriebenen Gesetze der Kurve noch nicht und müssen sie als einmalige Besucher wahrscheinlich auch nicht kennenlernen. Außerdem ist es genau diese Faszination, die auch mich und uns irgendwann an dieses Stadion und diesen Verein fesselte.

Problematisch wird es dann, wenn gefühlt das halbe Spiel (!) mitgefilmt oder das Smartphone direkt in fremde Gesichter gehalten wird. Da fragt man sich dann wirklich, ob diese Personen nicht deutlich besser vor dem Fernseher als auf der Südtribüne aufgehoben wären. 

Eine Siegerehrung auf die man doch etwas länger warten musste
Eine Siegerehrung auf die man doch etwas länger warten musste · schwatzgelb.de

Zu guter Letzt blieb dann noch eine “Siegerehrung”, die nicht nur unnötig lange auf sich warten ließ, sie war auch so lieblos und unemotional, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Wer diese Bilder sieht, sollte sich bei DFB/DFL wirklich fragen, ob man am Modus des Supercups in der Form festhält oder ihn nicht doch nur dann ausspielt, wenn er für beide Clubs von wert ist (also: es wirklich Meister gegen Pokalsieger ist). Denn ganz egal, wie sehr sich alle Beteiligten im Vorfeld darum bemüht haben, dieses Spiel als “ersten Titel der Saison” zu verkaufen: gespürt hat man davon im Westfalenstadion nichts. Das war ein Testspiel gegen einen großen Gegner vor ausverkauftem Haus mit Pokalübergabe – nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Sportlich war es ein Test, der gut aufgezeigt hat, wo noch Schwachstellen sind. Und ein Test, der gleichzeitig Hoffnung macht, dass der BVB in der neuen Saison ein hübscheres Gesicht zeigen wird. Das ließ mich den Abend dann durchaus positiv beenden. 

Hängende Köpfe nach Abpfiff vor der Südtribüne
Hängende Köpfe nach Abpfiff vor der Südtribüne · schwatzgelb.de
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