Podcast Forum Fotos Shop Unterstütze uns!

Eine Schwatzgelb.de-Reportage

Wo ist eigentlich das BVB-Archiv?

Ein Regal im BVB-Archiv
Ein Regal im BVB-Archiv · Bild: schwatzgelb.de

Lagerarbeiter schuften fleißig während Diana und Sarah mich zu einer Lagerplattform führen. Wir gehen durch ein unspektakuläres kleines Tor und sind da. Links und rechts sind Regale mit allerlei verschiedenen Kisten und Gegenstände. "Das ist es", sagen mir die beiden eher beiläufig während wir zu Dianas Schreibtisch gehen und uns erst einmal hinsetzen. "Das ist das BVB-Archiv!", denke ich und freue mich innerlich wie ein kleines Kind, endlich da zu sein.

Viele der größeren Fußballvereine haben eigene Museen, die sie mit allerlei Devotionalien aus der Vereinsgeschichte ausstatten und die Fanherzen höher schlagen lassen. Fast alle Borussinnen und Borussen kennen das BORUSSEUM und die meisten, die es kennen, waren auch schon da. "Das BORUSSEUM ist nur zwei Tage im Jahr geschlossen", erzählt mir Sarah, Leiterin des BORUSSEUMs, und strahlt dabei erkennbar viel Stolz aus. Das BORUSSEUM ist eine etablierte Einrichtung im BVB-Kosmos und betätigt sich darüber hinaus auch im Netzwerk der deutschsprachigen Fußballmuseen und Vereinsarchive.

Aber darum soll es heute nicht gehen. Ein anderes Mal aber, das hab ich Sarah schon versprochen. Heute geht es um das Archiv von Borussia Dortmund.

Das BORUSSEUM ist nur zwei Tage im Jahr geschlossen

— Sarah

Vor meinem Besuch habe ich mal recherchiert, welche Vereinsarchive der großen Fußballvereine in Deutschland im Netz zu finden sind. Es gibt Vereine, da habe ich keinerlei Hinweise auf ein benutzbares Vereinsarchiv oder überhaupt ein Museum gefunden, wie bei Bayer 04 Leverkusen, TSG Hoffenheim, VfL Wolfsburg oder RB Leipzig. Jetzt könnte man sagen, dass es sich dabei auch nicht um klassische Traditionsvereine handelt und daher der Aspekt "Geschichte" nicht so zentral ist. Aber beispielsweise auch der FSV Mainz 05 hat aktuell weder ein Museum noch ein recherchierbares Archiv, was sich jedoch im Aufbau befinden soll.

Screenshot von der Datenbankseite des Archivbestandes von Eintrach Frankfurt
Screenshot von der Datenbankseite des Archivbestandes von Eintrach Frankfurt

Einige Vereine betreiben offziell nur ein Museum, wie z.B. der FC Bayern München oder der 1. FC Köln. Bei anderen Vereinen findet man dann sogar etwas zum Thema "Archiv", so etwa bei St. Pauli, dem Hamburger SV, Werder Bremen, dem VfB Stuttgart oder Union Berlin. Jedoch kann man in diesen Vereinsarchiven nicht einfach online in einer Datenbank recherchieren. Nur bei einem Bundesligaverein findet man im Internet eine öffentlich recherchierbare Datenbank zum Vereinsarchiv: Eintracht Frankfurt. Dieser Bestand wurde nämlich 2010 vom 47. Fachhochschulkurs der Archivschule Marburg unter Leitung von Dr. Alexandra Lutz innerhalb von 60 Semesterstunden verzeichnet. Bedingung wird gewesen sein, dass sich das Archiv im Anschluss öffentlich recherchieren lässt. Dort kann man alles mögliche an Dokumenten recherchieren, z.B. Vorstandsprotokolle, Sammlungen, Druckschriften oder Plakate. Nur die Einsichtnahme kann wohl noch nicht online stattfinden.

Aber so könnte ein Vereinsarchiv aussehen. 

Ich bin selber Archivar von Beruf, studiert an eben jener Archivschule Marburg, leite ein kleineres, öffentlichen Archiv und ich habe mir lange die Frage gestellt, wo eigentlich der BVB seine Vereinsunterlagen archiviert.

Kurzer Exkurs: Unterschied Museum - Archiv. Für die meisten Menschen gibt es auf den ersten Blick keinen Unterschied zwischen Archiv und Museum, aber während Museen vorwiegend Gegenstände sammeln und einen expliziten Auftrag zur Ausstellung dieser Dinge haben, konzentrieren sich Archive auf das Sammeln von schriftlichen Dokumenten und Fotos, ohne dass ein großer, aktiver Ausstellungsbetrieb läuft. Archive sind daher mehr Forschungseinrichtungen als Ausstellungseinrichtungen.

Standregale links und rechts mit Schachteln
Blick in die Lagerung des BVB-Archivs

Kommen wir aber zurück zum BVB. Dass Sarah als Museumsleiterin dabei ist, hat den schlichten Grund, dass das BVB-Archiv Teil des BORUSSEUMs ist. Das BVB-Archiv ist das historische Archiv des Vereins Ballspielverein Borussia Dortmund 09 e.V. und gleichzeitig Museumsdepot für das BORUSSEUM. "Wir gehören zusammen", sind sich Diana und Sarah einig.

Archivarin des BVB-Archivs und damit Chefin im Depot ist aber Diana. Sie hat Kunstgeschichte studiert und einige Zeit in Museen und einer Galerie in Berlin gearbeitert, ehe es sie der Liebe wegen ins Ruhrgebiet gezogen hat. Nicht aber die Liebe zum BVB führte sie hierher, sondern wegen ihres Mannes ging es nach Wuppertal. Etwa gleichzeitig war die Position im BVB-Archiv ausgeschrieben und Diana bewarb sich. Das ist nun 09 Jahre her und inzwischen ist Diana auch echte Borussin - was sich wohl nicht verhindern lässt bei dieser Arbeit.

 Wir (BORUSSEUM und BVB-Archiv) gehören zusammen

— Sarah und Diana

Wir drei kommen ins Plaudern und schwanken zwischen persönlichen BVB-Anektoden, Geschichten aus dem BVB-Archiv und archivfachlichen Themen. Sarah lobt die Arbeit von Diana in den höchsten Tönen. Aber was macht Diana genau?

Das BVB-Archiv, welches über das BORUSSEUM formal dem e.V. angeschlossen ist, sammelt alles rund um Borussia Dortmund. Dabei füttern sich die Bestände zum einen aus den Dokumenten des BVB selber, in Fachsprache "der Archivträger" genannt, und zum anderen über die Abgaben von privaten Sammlerinnen und Sammlern - vor allem natürlich BVB-Fans.

"Wir sind darauf angewiesen, dass die Menschen auf uns zukommen und uns Dinge anbieten" betont Sarah. Archiv- bzw. Museumsgut ankaufen? Eher nicht. Das BVB-Archiv, welches ausgelagert außerhalb der Innenstadt von Dortmund in einem gut geschützen Lagerzentrum aufbewahrt wird, lebt von den Schenkungen der BVB-Community. Geld gibt man nur in extrem besonderen Ausnahmefällen aus. Vom Verein selber bekommt das BVB-Archiv laufend Abgaben. "Das läuft immer besser", freut sich Sarah.

Blau-graue Archivschachteln mit eingeprägtem BVB-Logo
Das BVB-Logo eingeprägt auf den blau-grauen Archivschachteln

Wir starten eine kleine Runde durch die Gänge und mir fallen natürlich sofort die Archivtypischen blau-grauen Schachteln auf. "Gibt es die nicht in gelb?", frage ich die beiden mit einem Augenzwinkern. "Leider nicht, aber immerhin das BVB-Logo ist darauf zu finden", zeigt mir Diana. Und tatsächlich: auf allen Archivschachteln ist das BVB-Logo eingeprägt. Die Vielfalt an Größen und Materialien ist für mich beeindruckend, denn in meinem Archiv ist Papier das vorherrschende Material. Für das BVB-Archiv ist das eine echte Herausforderung, denn jedes Material hat eigene Ansprüche an das Lagerklima. Ohne speziellen Archivbau mit verschiedenen Klimazonen kann man diesen Ansprüchen eigentlich nicht gerecht werden. Mithilfe von stabilen Klimawerten wird jedoch das bestmögliche getan, um die Sammlung zu erhalten. Diana zeigt mir ein paar spannende Dinge, wie etwa ein ganz neu abgegebenes Schreiben des BVB von 1975 mit einem der wohl ersten Stadionverbote für das Westfalenstadion. "Das Zutrittsverbot war damals einfach unbefristet", erzählt Sarah. Der BVB-Fan, der das Dokument abgegeben hat, hatte dann mal in den 1990er-Jahren beim BVB nachgefragt, ob er wieder rein dürfe. "Er durfte", lacht Sarah. Das Schreiben ist bald im BORUSSEUM zu sehen.

Von "The Unity" erhielt das Archiv jüngst einen Stück der Choreo zum 25. Geburtstag von eben jeder Ultragruppe. Ein verdammt großes Stück!

Ein gelbes Stofflacken liegt gefaltet auf einem Wagen
Ein "Stück" der Choreo zum 25-jährigen Bestehen von THE UNITY

Für die Archivnerds unter den hier Lesenden: das BVB-Archiv nutzt eine klassische Archiv- bzw. Museums-Datenbank und bildet die Bestände nach Materialtyp, was sich dann auch entsprechend in den Signaturen niederschlägt. Die Findmittel sind nicht öffentlich recherchierbar.

"Wer nutzt das BVB-Archiv?", frage ich Diana und Sarah. Nutzung des Archivguts durch Externe, also Forschung, ist gar nicht so üblich, erfahre ich. Diana bearbeitet aber viele Anfragen vom BVB selber oder von externen Medien wie dem WDR. Seitdem der BVB eine eigene Presseabteilung unterhält, läuft auch viel darüber. Wenn jemand etwas einsehen möchte ginge das aber im BORUSSEUM oder bei kleineren Anfragen könne das Archivgut auch digital bereitgestellt werden. Die meisten Anfragen kommen übrigens zu einem Thema, zu dem das BVB-Archiv leider wenig liefern kann: der NS-Zeit. "Kurz vor dem Kriegsende 1945 wurde die Geschäftsstelle von einer Bombe getroffen", erklärt Sarah und schaut etwas geknickt. Daher war die Aufarbeitung der NS-Zeit für Borussia Dortmund nicht so leicht. Viel musste über andere Archive recherchiert werden.

Unser Treffen nähert sich dem Ende und ich merke, dass ich dort noch Stunden verbringen könnte. Aber die Archivarbeit muss weitergehen und so geleiten mich die beiden zum Ausgang. Mit einer herzlichen Verabschiedung und vielen Eindrücken im Gepäck trete ich die Heimreise an.

Ein Archiv ist nie fertig - das weiß jeder Archivar und jede Archivarin. Das klingt frustrierend, aber darin liegt eben auch die Faszination. Jeden Tag kann man etwas finden, was noch unbekannt ist. Jeden Tag taucht man in die Geschichte ein und darf diese strukturieren und erfassen. Borussia Dortmund ist inzwischen stolze 116 Jahre alt und hat das Leben von unzähligen Menschen begleitet. Das schlägt sich auch im BVB-Archiv nieder. Gut, dass der BVB das Archiv unterhält, denn es zeigt, woher Borussia kommt. Wir alle sollten diese Arbeit unbedingt unterstützen!

Wer besondere Unterlagen, Gegenstände oder andere Dinge mit BVB-Bezug besitzt, die helfen die BVB-Geschichte besser zu verstehen, kann sich gerne an das BORUSSEUM wenden: borusseum@bvb.de

Diesen Artikel teilen
Unterstütze uns mit steady