Die Einladung zur Versammlung der Mitgliedschaft von Borussia Dortmund kam.
"Die diesjährige [2026] Mitgliederversammlung am 22. November findet allerdings ausschließlich in Präsenz statt. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, die geplanten Veränderungen und insbesondere die Möglichkeiten künftiger hybrider Mitgliederversammlungen ausführlich mit Ihnen zu besprechen."
Ewig fanden Versammlungen in Präsenz statt, Technik und Globalisierung machten irgendwann Meetings über Kontinente online möglich. Und dann kam Corona und plötzlich konnten ganze Konzerne ihre Betriebsversammlung online abhalten. Not macht erfinderisch, Technik macht es möglich.
Die Not muss aber die richtige Stelle treffen, so wie die Kritik auch immer den richtigen Ton treffen muss. Sonst passiert nichts, sonst spielt Barrierefreiheit keine Rolle, sonst rückt das eigentliche Thema in den Hintergrund.
Dabei braucht es gar keine besonderen Ereignisse, kein großes Drama um den Luxus der Präsenz auf lange Sicht nicht mehr genießen zu können.
Und dann werden nicht nur viele alltägliche Dinge zur Herausforderung, sondern man braucht überdurchschnittlich Kapazität und Energie, um sich die noch mögliche Teilnahme zu erhalten. Es ist eine konstante Diskussion, ein ständiges Bitten und immer wieder das Gefühl Umstände zu machen und eine Last zu sein, für Betroffene und Angehörige, als wäre die Situation allein nicht schon Herausforderung genug. Das ist in einem Ausmaß ermüdend, dass man es oft lassen möchte, weil es eigentlich zu viel kostet, Kraft die man an anderer Stelle bräuchte - aber nicht lassen KANN, weil Übersehen und Vergessen werden viel zu leicht ist.
Wenn die vermeintliche Mehrheit die Norm ist und eben nicht der kleinste gemeinsame Nenner, verlieren mehr als man zunächst glaubt. Wenn demnächst wieder Schnee gefegt werden muss, fegt nicht zuerst die Treppe, weil die Mehrheit die Treppe nutzen kann. Fegt zuerst die Rampe! Über die Rampe kommen alle zum Ziel. Die Eltern mit Kinderwagen oder Kleinkind, dessen Beine noch zu klein sind, die Person, der Treppensteigen mittlerweile oder im Moment schwer fällt, die Person, die eine Gehhilfe oder einen Rollstuhl nutzt.
Im übertragenen Sinne hatte mein Verein letztes Jahr zur Versammlung der Mitgliedschaft die Rampe gefegt und stellt jetzt wieder auf ausschließlich Treppe um.
Als ich davon erfahren habe war ich enttäuscht, verletzt, wütend und müde. Aber wie meistens stellte sich die Frage nicht, ob stille Akzeptanz eine Alternative wäre. Wenn irgendwie Kapazität vorhanden ist, muss ich diese dafür aufbringen, weil andere es gar nicht können. Also schrieb ich eine E-Mail mit wenig Zurückhaltung - warum auch? Aus meiner Perspektive wurde mit eben so wenig Zurückhaltung eine Gruppe wieder ausgeschlossen, die gerade erst einmal eine Gelegenheit hatte dabei zu sein.
Ich hatte nicht unbedingt damit gerechnet, eine Rückmeldung zu bekommen, aber sie kam - verständnisvoll, zugewandt und ausführlich. Und ja, sie hat geholfen. Dennoch bleibt etwas Sand im Getriebe:
Eine gute, funktionierende Umstellung erfordert sicherlich Eingewöhnung und Entwicklung. Vielleicht hat man im letzten Jahr in guter Absicht schlicht zu viel auf einmal gewollt? Dennoch hätte es sich weniger nach Rückschritt angefühlt, wenn zumindest ein Teil der Teilhabe erhalten geblieben wäre. Sei es ein Live-Stream oder ein spezieller MV-Chat-Kanal...
So bleibt kurz- oder langfristig Betroffenen nur die Hoffnung, dass sich jemand vor Ort ihres Anliegen annimmt und ja, ich weiß, da sind Personen, die empathisch sind und sich einbringen werden. Aber das löst das Gefühl der Abhängigkeit nicht auf, nicht selbst gehört und gesehen zu werden, zur Inaktivität gezwungen zu sein. Ganz abgesehen davon, dass sich das Universum betroffener Personen nicht auf Barrierefreiheit beschränkt! Da entgehen der Mitgliedschaft wichtige Perspektiven, Ideen und Anregungen auch unabhängig von dem Thema der Inklusion.
So bleibt mir zum Abschluss nur die gewohnte, unangenehme Bitte, den Luxus der Präsenz nicht nur für sich selbst zu nutzen, sondern vielleicht befreundete und bekannte Menschen anzusprechen und ihren Input mit zur Versammlung zu nehmen! Bis es - hoffentlich schon im nächsten Jahr - mehr Möglichkeiten zur Partizipation als die reine körperliche Präsenz gibt, bleiben andere auf euch angewiesen.
Lasst uns fest und treu zusammenhalten! Heja BVB.