Auf dem Papier scheint die Lösung naheliegend. So naheliegend, dass man eigentlich gar nicht weiter nachzudenken braucht: Natürlich muss Jürgen Klopp jetzt Bundestrainer werden – wer denn sonst?
Immerhin ist die Trainerkarriere von Jürgen Klopp schlichtweg beeindruckend. Sie beginnt mit dem ersten Bundesliga-Aufstieg von Mainz 05, einem kleinen Fußballmärchen. Und wird direkt danach bei Borussia Dortmund richtig spektakulär: Denn der BVB war, nach seiner Fast-Insolvenz 2004, vor der Klopp-Verpflichtung ins Bundesliga-Mittelfeld abgestürzt, hatte zwischendurch sogar ernste Abstiegssorgen. Dann kam Klopp – und brachte direkt eine neue Fußball-Identität mit nach Westfalen: „Rasenschach“, sagte er gleich bei seiner Vorstellung, „hat jedenfalls noch keine meiner Mannschaften gespielt“. Stattdessen setzte Klopp auf aktives Pressing, schnelles Umschalten, Fußball, der Spaß macht, eben. Und er bewies ein sensationelles Auge für Talente und ebenso imposantes Geschick in ihrer Entwicklung: Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Robert Lewandowski begannen unter ihm ihren Weg zu den vielleicht weltweit besten Spielern auf ihrer Position, mit Marcel Schmelzer, Neven Subotic, Kevin Großkreutz wurde er zweimal Deutscher Meister, gewann das erste Double der BVB-Geschichte und – ach ja! – zog ins Champions-League-Finale ein. Beim FC Liverpool, wo er noch mehr Verantwortung für die Transferpolitik trug, bestätigte er diese Erfolge, formte aus Mohammed Salah, Sadio Mane und Roberto Firmino die zeitweise beste Offensive der Welt, gewann mit den Reds die erste Meisterschaft seit 30 Jahren und holte auch den Champions-League-Sieg, der ihm in Dortmund noch verwehrt geblieben war, nach. Dortmund verließ Klopp nach einem verschleppten Umbruch und einer durchwachsenen Saison, Liverpool übergab er als etablierten europäischen Topklub. Jürgen Klopp hatte sich über all die Jahre also auch als Trainer weiterentwickelt und zum Beispiel noch besser verstanden, wann er oder sein Klub von frischen Impulsen profitieren würde.
Jürgen Klopp war in seiner Zeit als Trainer übrigens sogar noch beeindruckender als zum Beispiel Zinedine Zidane, Pep Guardiola oder Carlo Ancelotti, auch wenn diese mehr Titel gewinnen konnten. Denn anders als Zidane, Pep und Ancelotti übernahm Klopp nie Weltklasse-Orchester, deren Klasse er bloß bestätigen musste. Er entwickelte Klubs. Sicher, das tut Guardiola auch – aber Klopp war dabei trotz geringeren Budgets schneller als Pep: Schon nach dreieinhalb Jahren beim FC Liverpool gewann Klopp die Champions League, Pep Guardiola brauchte bei Manchester City sieben Jahre, also doppelt so lange.
Das sind alles Punkte, die man sich immer und erst recht in der aktuellen Krise von einem Bundestrainer wünscht. Auf dem Papier ist Jürgen Klopp damit ohne jede Frage die einzig logische Wahl als neuer Bundestrainer. Aber ganz so einfach ist es nicht. Drei Punkte gilt es nämlich zu bedenken:
Punkt 1: Jürgen Klopp hat sich in den letzten Jahren als Red-Bull-Funktionär verändert. Er denkt inzwischen mehr wie ein Sportmanager als wie ein Trainer. Als Trainer kritisierte Klopp regelmäßig Entlassungen seiner Kollegen, forderte mehr Vertrauen und Geduld. Die Red-Bull-Klubs haben unter dem Funktionär Klopp aber einen ziemlich immensen Trainerverschleiß. In Leipzig musste zum Beispiel gerade Ole Werner gehen, obwohl er den zweitbesten Punkteschnitt aller Leipziger Bundesliga-Trainer vorweisen konnte – und das, obwohl er das Team nach einer enttäuschenden Saison übernommen hatte. Außerdem war es Werner gelungen, die individuelle Entwicklung vieler RB-Talente, allen voran Yan Diamonde, voranzutreiben. Nicht umsonst wurde Klopp, der maßgebliche Treiber der Werner-Freistellung gewesen sein soll, für seine Entscheidung in Fachkreisen enorm kritisiert. Geduld und Durchhaltevermögen haben Klopp als Coach ausgezeichnet – würde er als Bundestrainer dazu zurückfinden?
Punkt 2: Bei seinen bisherigen Trainer-Stationen startete Jürgen Klopp zwar immer schon als Hoffnungsträger, beim DFB aber wäre er der Heilsbringer. Der Fokus würde sich mit dem Trainerwechsel nicht auf die Mannschaft verlagern, sondern auf ihn. Positiv daran könnte sein, dass Klopp mit seiner Strahlkraft Druck vom Team nehmen könnte. Dagegen könnte man sagen, dass es jetzt, gerade nach dem umstrittenen Julian Nagelsmann, eigentlich einen Trainer bräuchte, der weniger im Mittelpunkt des Interesses steht, um die Mannschaft stärker in die Pflicht zu nehmen. Hinzu kommt, dass Klopp, der ja gerade nicht nur für das zu Recht höchst umstrittene Red-Bull-Projekt arbeitet, sondern auch schon für so ziemlich alles Werbung gemacht hat, in der Öffentlichkeit längst nicht mehr so positiv gesehen wird wie noch vor zwei, drei Jahren. Der deutsche Fußball aber braucht keine Ethik-Diskussion über die Nebentätigkeiten des Bundestrainers, sondern Fokus auf den Sport (und die Sportpolitik).
Apropos Sportpolitik – Punkt 3: Der Wechsel von Julian Nagelsmann zu Jürgen Klopp wäre verdammt teuer. Die mögliche Sieben-Millionen-Abfindung für Nagelsmann kann man inzwischen wohl als unvermeidbar verbuchen. Aber für Klopp wäre bei einem Wechsel von Red Bull zum DFB wohl eine Ablöse fällig, da Klopp zuletzt selbst bestätigt hat, in seinem bis 2029 laufenden Arbeitspapier keine Ausstiegsklausel für den Bundestrainer-Job zu haben. Hinzu kommt, dass Klopp bei RB, so hört man, zehn Millionen Euro im Jahr verdient. Heißt: Das Gesamtvolumen einer Klopp-Verpflichtung, inklusive seiner Co-Trainer, die auch bei Red Bull unter Vertrag stehen, beliefe sich locker auf zwanzig Millionen Euro. Geld, das der DFB dann nicht in Nachwuchsförderung und Breitensport investieren könnte. Es wäre ohne Frage richtig bitter, wenn der DFB bestimmte Angebote für Kinder und Jugendliche pausieren könnte, um eine Überweisung an den Red-Bull-Konzern tätigen zu können. Man muss also sehr genau abwägen, ob Klopp-Schützling Mats Hummels wirklich Recht hat, wenn er sagt, dass ein weiteres Aus im Sechzehntelfinale „noch teurer“ wäre.
Es lohnt sich also die Frage, ob es nicht doch auch Alternativen zu Klopp gibt. Nicht, weil Klopp nicht der Richtige wäre, sondern weil es schlicht unverantwortlich wäre, das Bundestrainer-Amt jetzt bloß wegen dessen Prestige zu besetzen (und vielleicht auch, weil die DFB-Führung hofft, damit auch weiterhin nicht in den Fokus der Kritik am dritten verfrühten WM-Aus in Serie zu geraten). Zumal auch Hansi Flick verpflichtet wurde, nachdem er mit den Bayern Meisterschaft, Pokal, Champions League und Klub-WM gewonnen hatte – und als Bundestrainer trotzdem krachend scheiterte. Nein, in der gegenwärtigen Situation muss man zumindest Alternativen abwägen.
Also, welche gäbe es? Gerade ist Per Mertesackers Vertrag als Nachwuchsdirektor beim FC Arsenal abgelaufen. Der Weltmeister von 2014 hat bei den Gunners unstrittig herausragende Arbeit abgeliefert, die Akademie modernisiert und sportlich zu einer der besten Englands entwickelt. Die jüngste Arsenal-Meisterschaft, der Einzug ins Champions-League-Finale fußten auch auf Talenten, die unter Mertesacker gereift sind. Er wäre eigentlich die logische Wahl als DFB-Sportdirektor und hätte mit Hannes Wolf einen Sparringspartner, an dem er sich konstruktiv reiben könnte. Die sportlichen Probleme beim DFB rühren tiefer als bei Nagelsmanns Kaderzusammenstellung, die Neubesetzung des Sportdirektorenpostens darf also keinesfalls von einer Klopp-Verpflichtung überlagert werden. Auch nicht, obwohl Klopp in den letzten Jahren ja selbst als Funktionär tätig gewesen ist.
Und als Trainer? Immer wieder wird über den Namen Christian Streich diskutiert. Streich wäre dabei ohne Frage eher eine Übergangslösung – wenn er denn überhaupt wollen würde. Für Streich spricht, dass er stets einen klaren sportlichen Plan mit seinen Mannschaften verfolgt und dabei von jedem Spieler einfordert, sich diesem bedingungslos unterzuordnen. Den inversen Rechtsverteidiger Joshua Kimmich hätte es unter ihm wohl nicht gegeben – entweder hätte Kimmich wirklich rechts verteidigt und dabei seine offensiven Stärken wie die starken Flanken auch aus Hochtempoläufen einbringen können, oder er wäre wie bei den Bayern im Zentrum aufgelaufen. Gleichzeitig kann Streich auch kreative Lösungen für „Problempositionen“ finden. Noch etwas disruptiver wäre – ironischerweise – Ole Werner. Werner hat in Leipzig gezeigt, dass er Topteams stabilisieren und an ihr Leistungsmaximum führen kann. Und auch er hat bereits nachgewiesen, dass er Spieler auch individuell entwickeln kann. Ironisch wäre seine Verpflichtung deswegen, weil er nur wegen einer Klopp-Entscheidung als Klopp-Alternative verfügbar wäre.
Ohne Frage: Jürgen Klopp ist der beste deutsche Trainer dieses Jahrtausends (oder war es, bis er seine Trainerkarriere eigentlich beendet hat, aber er ist natürlich immer noch vor Christian Streich oder Ole Werner anzusiedeln). Aber in einer Gesamtabwägung könnte man trotzdem auf einen anderen Kandidaten kommen, um das Gesamtgefüge im Veränderungsprozess zu stärken, die Mannschaft bedingungslos in die Pflicht zu nehmen oder einfach auch, um finanzielle Ressourcen zu schonen.
Die DFB-Führung, zu der ja immer noch auch Klopps Skat-Kumpel Hans-Joachim Watzke gehört, tut gut daran, ihre Entscheidung jetzt klug abzuwägen, unabhängig von individuellen Befindlichkeiten. Wenn sie dann bei Jürgen Klopp landet, kann es richtig gut werden. Sonst aber auch.
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